Donnerstag, 28. Mai 1992

"Molly Bloom" im Deutschen Theater

Leopold Bloom liegt geplättet auf dem Bauch und sagt kein Wort. Er hat's schwer. Andere Männer sind mit einer Frau verheiratet. Er ist mit der Frau schlechthin verheiratet. Mit Molly Bloom: Urmutter und -hure, Symbol der Fruchtbarkeit. Leopold Bloom ist eine Puppe. Schweigendes Gegenüber für Molly Bloom (Christine Schorn).

50 Seiten lang schwatzt Molly am Ende des Romans "Ulysses" von James Joyce (1882-1941) ohne Punkt und Komma. Regisseur Friedo Solter hat den Monolog fürs Deutsche Theater als Ein-Personen-Stück inszeniert. Und Christine Schorn spielt, als habe ihr Joyce die Rolle auf jeden Quadratzentimeter ihres üppigen Leibes geschrieben.

Sie verwandelt das schwierige Stück in eine Boulevard-Komödie: Sie spricht, sie singt, sie jammert, sie lästert. Vom Sohn, den sie nie hatte. Von Liebhabern, die längst verflossen sind. Und von der verzwickten Liebe zu ihrem Leopold. Die Tragik dieser Dubliner Hausfrau von 1904 ist die Tragik aller Frauen.

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