Donnerstag, 11. Februar 1993

"Wessis in Weimar" im Berliner Ensemble

Um 21. 10 Uhr schlief mein Nachbar ein. Selig schnarchend entfloh er ins Reich der Träume. Doch auf den Theatersitzen des Berliner Ensembles kann keiner länger als ein paar Minuten schlummern. Der Ärmste riß sich zusammen und ertrug weitere zwei Stunden die Premiere von "Wessis in Weimar".

Rolf Hochhuth soll vor 30 Jahren mal ein gutes Stück geschrieben haben. Seitdem lebt er von dem Ruf, ein Dramatiker zu sein. Irgend jemand findet sich immer, dem er seine Thesenpapiere als Theaterstücke verkaufen kann. Zumal der Autor garantiert: Ein medienwirksames Skandälchen wird todsicher angezettelt.

Noch nie ist Hochhuth das so gut gelungen wie diesmal. Zwei Fernsehteams und ungezählte Journalisten stürzten sich am Ende der endlosen drei Stunden auf die Besucher: "Und? Wie war's?"

Dunkel war's. Einar Schleef läßt seine Schauspieler (junge Kräfte vom BAT, plus die Stars Martin Wuttke und Margarita Broich) mindestens die Hälfte der Spielzeit in schwarzer Nacht agieren. Hochhuths Texte (aber auch Einlagen von Schiller und Brecht) skandieren sie wie ein griechischer Chor. Männlein und Weiblein sind in Militärmäntel gewandet. Manchmal trampeln sie auch nackt mit schweren Stiefeln über die Bühne.

Kleine Provokationseinlagen sollen für Pep sorgen: Ein Senatsbeamter (Martin Wuttke) spricht eine Ergebenheitsadresse an Mercedes-Chef Edzard Reuter - und onaniert dabei. Wer gerne nackte männliche Geschlechtsteile sieht, wird von dieser Aufführung gut bedient.

Am besten ist es immer dann, wenn Schleef sich über Hochhuths furztrockene Politphrasen lustig zu machen scheint: Monoton leiern die Schauspieler ihre Texte herunter. Welche Rolle sie sprechen, erkennt man an den Schildern, die auf die Militärmäntel geheftet wurden. Manchmal sprechen sie sogar die Regieanweisungen mit. Ein Chor junger Frauen und Männer ruft: "Prasselnde Feuergeräusche, Einsturzlärm, Geschrei im Hof, ein blödes Autohupen". Das ist komisch.

Zugabe war eine Huldigung an Bertolt Brecht zum 95. Geburtstag: Wagners Monolog aus Goethes "Faust", gesprochen vom Chor mit Schlafmützen. Charmant!

Aber fast alles andere war ganz furchtbar. Am furchtbarsten die Endlos-Szene, als 25 (Oder 30? Oder 100?) nackte Menschen in der Dunkelheit Kekse (Oder Hostien?) aus einer Kiste nahmen und danach in den Keller gingen. Da wäre ich auch gerne in den Keller gegangen. Nur fort aus diesem Theater!

Das einzige, was mich rettete, war der Gedanke an die armen Teufel, die am 25. Februar in Hamburg die von Hochhuth empfohlene "offizielle" Uraufführung ertragen müssen. Hochhuths "Wessis" pur! Das muß ja grauenhaft werden.

Ich habe das Buch gelesen (es wurde an Premierenbesucher verteilt). Den Künstlerwettstreit hat Hochhuth für sich entschieden. Nur einer kann noch besser langweilen als Einar Schleef. Und der heißt Rolf Hochhuth!

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