Mittwoch, 10. März 1993

"Berlin Bertie" in den DT-Kammerspielen

Ein Berliner in London: "Berlin Bertie", der Stasi-Offizier mit dem Decknamen "Bertolt Brecht" (Karl Kranzkowski) streicht durch Süd-London. Der Engländer Howard Brenton schrieb sein Stück nach einem Erlebnis in Berlin: Während einer S-Bahnfahrt hörte er die Anekdote über einen MfS-Mann, der sein ehemaliges Opfer besucht.

Jetzt die deutsche Erstaufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Der reuige Stasi-Sünder trifft Rosa, die Pfarrersfrau (mitleiderregend steif: Margit Bendokat) in einer Londoner Abbruch-Wohnung. Brentons Figuren sind dicht dran an der Wirklichkeit: Ein Skin auf der Suche nach Sinn (großartig: Kay Schulze). Eine Ausreißerin mit Tripper, die dieWelt durch Pantomime beglücken möchte (Kathi Liers). Und die gescheiterte Sozialarbeiterin (eine Gossen-Lemper: Kathrin Klein), deren Ideale genauso zu Bruch gegangen sind wie die ihrer christlichen Schwester Rosa.

Das hätte grausliges Betroffenheits-Theater werden können. Brenton macht Boulevard mit Polit-Touch daraus. "Berlin Bertie" hätte eine grellere Inszenierung vertragen. Doch Regisseur Sewan Latchinian blieb leider beim braven Stil, dem Markenzeichen des DT.

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