Donnerstag, 20. Mai 1993

"Von morgens bis mitternachts" in der Schaubühne

Was für ein Prunk! Kostbare Schauspielerleistungen, staunenerregende Bühnentechnik, ein Budenzauber aus Licht und Geräusch - und doch: Gescheitert auf hohem Niveau. Andrea Breths Inszenierung "Von morgens bis mitternachts" fehlt der ordnende Gedanke, der den Ozean von Einfällen zu einem Ganzen ballt.

Vom frühen Abend bis vor Mitternacht, dreieinhalb Stunden lang, wird Georg Kaisers expressionistischer Schmachtfetzen mit Brethscher Überrumpelungs-Ästhetik zubereitet. Es geht zu wie auf der dämonischen Leinwand der Zwanziger Jahre: Möbel fliegen durch den Raum, in dem der Kassierer (Peter Simonischek) sich durch einen Griff in die Kasse aus der menschlichen Gemeinschaft hinauskatapultiert. Auf einem schneebedeckten Heidebaum liebkost ihn der Tod (Libgart Schwarz). Und Simonischek (kaum zu erkennen unter einem grotesken Jannings-Bart) wütet mit gezügeltem Pathos gegen die Verderbtheit dieser Welt der Helldunkel-Kontraste. Nur drei von ungezählten Glanzlichtern dieser Mammut-Inszenierung. Doch irgendwie läßt den Betrachter das alles herzlich kalt.

Kaiser (1878-1945) war zwischen 1918 und 1933 der meistgespielte deutsche Dramatiker. Bis die Nazis seinen Ruhm doppelt vernichteten: Sie belegten ihn mit Schreibverbot. Und als die braune Herrschaft vorbei war, konnte keiner mehr Kaisers pathetisches Suchen nach dem Neuen Menschen ertragen.

Daran wird sich nichts ändern. Wie aktuell erscheint doch im Berlin von heute Kaisers Geschichte vom Taumel durch die große Asphaltstadt mit ihren Schiebern und Prassern, Schlägern und Prahlern! Und wie wenig hat der Bilderrausch in der Schaubühne mit der Welt draußen zu tun!

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