Sonntag, 12. September 1993

"Gespenster" im Theater 89

Die Hölle ist ein niedriger, heller Raum mit Türen rechts und links für den dramatischen Durchgangsverkehr. Hier proben der Dichter Fred (Christian Pölzl) und der Denker Robert (Thomas Schumann) ihre Sauf- und Männlichkeitsrituale. Doch bald entpuppen sich die Machos als Maulhelden, Knetgummi in den Händen ihrer Ex-Frauen. Die wahren Hyänen in Wolfgang Bauers Stück "Gespenster" (geschrieben 1974) sind die Weiber (Gerda Müller, Almut Zydra) von denen sich die Schwächlinge zum Seelen-Mord an der Außenseiterin Magda (Agnes Giese) anstiften lassen.

Die Inszenierung im theater 89 ist eine Koproduktion mit dem forum stadtparktheater in Graz. Im steiermärkischen Dichter-Nest ist Autor Wolfgang Bauer (er wurde Ende der 60er Jahre mit "Magic Afternoon" und "Change" bekannt) ein Regional-Heiliger. Gespenster war dort Wochen ausverkauft.

Und hier? Die Regisseure Christian Pölzl und Ernst M. Binder haben jeden allzu österreichischen Ballast über Bord geworfen. Was bleibt ist spannender Psycho-Boulevard. Absolut Berlin-tauglich. Verbaler Nahkampf im Walzer-Takt. Hervorragende Schauspieler bohren sich Schmähworte wie Florette durch die Lücken ihrer Seelen-Panzer. Eine Vergewaltigung wird angedeutet. Busen und Unterwäsche werden entblößt. Und getrunken wird, daß man um die intakten Blasen der Schauspieler fürchtet.

"Das Stück macht a bissl geil", verspricht Autor Bauer in einem Interview. Mag sein, daß die durchtriebenen Sadomaso-Spielchen auf reizbare Pubertäre jeden Alters diese Wirkung haben. In erster Linie macht "Gespenster" durstig. Der Ansturm auf die Theaterbar war ungeheuer.

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