Mittwoch, 29. September 1993

"Thomas Chatterton" im Schloßpark-Theater

Hans Henny Jahnn hat Konjunktur in Berlin. Vier Stücke des Spätexpressionisten, Orgelbauers, Hormonforschers, Sektengründers, Pferdeliebhabers (1894-1959) wurden in den letzten Monaten auf die Bühne gestellt: "Familie Sörensen" und "Armut Reichtum, Mensch und Tier" vom Studiotheater der FU und "Medea" vom Walser Ensemble. Jetzt feierte das Schloßpark-Theater mit "Thomas Chatterton" seine letzte Premiere. Eine Trauerfeier. Angestellte der Staatlichen Schauspielbühnen berichten von Briefen, auf denen außen (!) steht "Betrifft Kündigung Ihres Dienstvertrages". Oft gellt das Wort "Prozeß".

Theater gab es auch noch: Thomas Chatterton war ein genialer Poet, der Balladen im mittelalterlichen Stil erfand. Verzweifelt, angeklagt beging er 1770 mit 18 Selbstmord. Jahnns spätes Drama (geschrieben 1959) ist weniger verstiegen als seine Frühwerke. Eine Huldigung an Außenseitertum und Moral-Losigkeit des Künstlers, dampfend vor Homosexualität. Ein leibhaftiger Engel-Dämon tritt auf. Gerd David spielt den Aburiel ironisch zerstreut, abwesend - nicht wirklich anwesend in der Welt der Menschen.

Im Zentrum: Ludger Hanninger als Chatterton vibrierend vor jugendlicher Kraft und mit dem Zynismus des Genies. Ein schwierige Rolle groß gemeistert.  

Michael Gruner hat mit Gespür für die kostbare Abseitigkeit des Textes Regie geführt. Hat das Rätsel rätselhaft gelassen. Aber nicht rätselhafter gemacht. Die Nebendarsteller sind gut bis hochkarätig. Sabine Sinjen und Walter Pfeil machen ihre Auftritte zu Epizentren des dramatischen Bebens. Dieser Inszenierung ein langes Leben!

BZ Berlin

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