Freitag, 15. Oktober 1993

"Der Brotladen" im Berliner Ensemble

Schon wieder ein staubiger Theater-Leichnam im Berliner Ensemble: Die Traditionsbühne muß sich mit zurecht vergessenen Petitessen von Brecht behelfen, weil die Erben des Meisters den jetzigen Intendanten die wahren Klassiker nicht gönnen. Deshalb macht man im BE aus der Not eine Untugend. Der junge Regisseur Thomas Heise inszenierte "Der Brotladen", ein unvollendetes Stück Agitationstheater, mit knirschender früh-epischer Dramaturgie.

Klar, was Heise daran gereizt hat: Gleich die ersten Szenen, in denen Washington Meyer (Thomas Wendrich) beim Zeitungsverkauf um Geld und Leben kämpft, erinnern an das Deutschland von heute mit Drückerkolonnen voller entwurzelter Sklavenarbeiter. Und auch sonst stimmt einiges, was überhaupt bei der Inszenierung dieses verlorenen Textes stimmen kann. Die rockigen Songs (Musik: H.-D. Rosalla) klingen fremdartig modern und trotzdem nach Brecht. Ironie zerstört die klassenkämpferische Weihe. Und das Ensemble (im Mittelpunkt Ruth Glöss als Witwe Queck) füllt mit seinem Spiel die Bühne, läßt vergessen, daß diese bis auf ein großes Metallgerüst leer ist.

Diese Inszenierung ist kein Meisterstreich, der dem BE den Weg ins nächste Jahrtausend weist. Aber sie hält mehr als sie versprochen hatte. Das kann man von den Vorstellungen, die die berühmten Hausherren bisher gegeben haben, nicht behaupten.

BZ Berlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen