Sonntag, 21. November 1993

"Baal" im Berliner Ensemble

Ein Mann wie der junge Brecht, dieser Baal: Ein Genie, das mit seiner Poesie sogar die Kutscher in den Prolo-Spelunken betört. Ein Sex-Protz, dem die Frauenherzen zufliegen wie die weichen Seelen der Männerfreunde. Ein zynischer Egoist, der empfangene Liebe nur mit Quälerei, Spott und schnellen Nümmerchen vergilt.

Peter Palitzsch hat Brechts 1926 entstandene Baal-Fassung "Der Lebenslauf des Mannes Baal" im Berliner Ensemble inszeniert. Volker Spengler spielt darin den Baal nicht als Brecht - der war ja bekanntlich eher schmal und frettchenhaft. Sondern als Volker Spengler: Ein zerbrechliches Monstrum, das sich dick gefressen hat im Hunger nach der Welt und ihren Genüssen. Ein ewiges Kind, dessen Mangel an Moral kaum übermenschlich ist - vielmehr an die hartleibige Trotzköpfigkeit eines verwöhnten Fünfjährigen erinnert. Und ein hanseatischer Komiker, dessen trockener Humor seine stärkste Waffe ist.

Da macht es dann auch nichts mehr, daß er nuschelt wie der alte Minetti - im Gegenteil: Gerade dieses Verhuschte bildet im Verein mit der sexuellen Mehrdeutigkeit Spenglers einen reizvollen Kontrast zur Klarheit der BE-Stammkräfte (u.a. Hans-Peter Reinecke, Stefan Lisewski, Arno Wyzniewski).

Gegen Spengler stinken in zweieinhalb Stunden alle ab, selbst sein einziger kraftvoller männlicher Gegenpart Urs Hefti als Freund und Opfer Ekhart. Mit den zahllosen Nebenrollen-Frauen (u.a. die Beinahe-Marlene Frederike von Stechow) glücken Regisseur Palitzsch einige Miniaturen: Am schönsten, als die verführte Johanna (Stefanie Stappenbeck) sich minutenlang wieder anzukleiden versucht. Umsonst: Die Maske der Wohlanständigkeit kriegt sie nicht mehr hin. Das Matrosenkleid bleibt halb zugeknöpft, das Leibchen behält sie in der Hand.

Für seine Untaten stirbt Baal am Ende unter einem bleichen Himmel aus riesigen Neonröhren (Bühnenbild: Karl Kneidl). Bleich bleibt manchmal auch diese Inszenierung. Das Sinnliche liegt Palitzsch nicht, und wenn sein Hauptdarsteller es nicht auf die Bühne trägt, ist es dort nicht vorhanden.

Andererseits ist der magischste Ort des Abends ein halbseidenes Café, in dem Baal auftreten soll: Wenn dort die Soubrette Savettka (Maria Husmann) das "Lied von der Wolke der Nacht" singt und tanzt, kommt eine Poesie auf, die so groß ist, daß fast das Theaterdach wegfliegt. Solche Momente - und Spengler - entschädigen für alles.

BZ Berlin

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