Freitag, 10. Dezember 1993

"Die Frau vom Meer" in der Volksbühne


Eng ist das Heim der Familie Wangel (Henry Hübchen, Kathrin Angerer, Isabella Parkinson) und die Wände sind mit freundlichen Lügen tapeziert. Irgendwo da draußen liegt das Meer. Da rauschen die Schiffe vorbei, da lockt die Ferne ,da wartet ein geheimnisvoller Seemann auf Stiefmutter Ellida (betörend: Corinna Harfouch). Doch bis zu den Wangels dringt das Wasser nur in trauriger Mickrigkeit vor: Als Inhalt eines Aquariums oder - natürlich - im Eimer.

Der gute alte Wassereimer. Auch alle anderen bekannten Bausteine seines Theaters hat Frank Castorf für Ibsens Drama "Die Frau vom Meer" wieder hervorgezaubert: Rockmusik von seinem Leibmusikus Steve Binetti. Slapstick-Einlagen, genial oder nervtötend. Rutschpartien auf der Bühnenschräge von Hartmut Meyer. Ekel-Nummern - diesmal muß Herbert Fritsch als Oberlehrer Arnholm einen rohen Fisch zerfleischen. Und natürlich gab's auch wieder Raum für Improvisation.

Den nutzte auch das Publikum, es spielte mit - witzig, frech und manchmal verletzend. Der Gipfel: Ein Zuschauer, der erst mit einer Binetti-Platte schmiß und dann Corinna Harfouch beim Schlußmonolog anpöbelte. Dennoch zum Filiale fröhlicher Aufmarsch aller Beteiligten wie bei einer Fernsehshow. Henry Hübchen begibt sich mit Mikrophon ins Publikum - und erobert es im Nahkampf.

Was Castorf, außer dem Wasser, an Ibsens Stück gereizt hat, blieb trotzdem unklar. Dieses Theater haßt man oder man liebt es. Ich habe mich für Liebe entschieden - aber glauben Sie nun um Gottes Willen nicht, ich würde Ihnen den Besuch dieser Inszenierung empfehlen! 

BZ Berlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen