Dienstag, 14. Dezember 1993

"Hedda Gabler" in der Schaubühne

Eines langen Tages Reise in die Nacht: Ibsens "Hedda Gabler" in der Schaubühne. Am Anfang ist der Salon des jungen Ehepaares Tesman noch vom optimistischen Tageslicht erfüllt. Doch Hedda Tesman (Corinna Kirchhoff), die verwöhnte Tochter des Generals Gabler, wendet sich mit Grausen vor der Helligkeit. "Zieh die Vorhänge zusammen!" herrscht sie ihre Untergebenen an, zu denen der schwächlich brave Gatte (Ulrich Matthes) ebenso zählt wie das lauernde Dienstmädchen (Bärbel Bolle). Das Versprechen des Tageslichts ist falsch: Hedda ist schon auf der abschüssigen Bahn, die am Ende zu ihrem Selbstmord führen wird. Für sie ist die Welt eine Oberfläche, auf der sie mit ihren vorgeblichen Idealen von Schönheit und Freiheit herumrast wie ein kleines Kind im Spielzeugauto.

Beeindruckend perfekt wie immer die Regie von Andrea Breth. Diesmal verliert sie sich nicht im Budenzauber der Bühnentechnik wie bei "Von Morgens bis Mitternacht". Die Perfektion liegt im Kleinen, in der knackenden Türklinke nach der alle die Köpfe wenden, im Tropfen der Kerze auf das Manuskript des versoffenen Genies Lövborg (Wolfgang Michael). 

Die Breth bleibt ganz nah dran an Ibsen, bis hin zum Salon-Bühnenbild mit Teppichen und Stilmöbeln - das aber großzügige Optiken erlaubt: Als Richter Brack (Thomas Thieme) die Hedda erpreßt, sitzen die anderen ahnungslos im selben Raum über ein Panorama von gut 20 Metern verteilt.

Perfekt hoch drei auch die Figuren: der Richter, der das Unsagbare mit Sprechpausen oder mit dem bedrohlichen Klappern seines Zigarrenschneiders andeutet. Der karrierewütige Akademiker Jörgen Tesman, der so oft "Du" sagt wie irgendein Assistent aus dem Uni-Mittelbau von heute. Und eine Hedda zwischen Aussteigerträumen und dem Beharren auf einem pflichtlosen Luxusleben - heute würde sie sich als Edelmüsli in teuren Naturfasern auf Selbsterfahrungs-Workshops austoben.

Die Schaubühne ist das - in vieler Hinsicht - westlichste der großen Berliner Sprechtheater. Es lockte also der Vergleich mit dem - in jeder Hinsicht - östlichsten, der Volksbühne, wo Frank Castorf gerade seine eigene Ibsen-Deutung "Die Frau vom Meer" gezeigt hat. Ibsen aufgepeppt mit Slapstick, Spektakel, Rock und Improvisation in der Volksbühne - und Ibsen ganz ernstgenommen, mit manchmal fast erdrückender Perfektion in der Schaubühne. Zwischen diesen beiden Extremen liegt die momentan erstaunlich gesund wirkende Berliner Theaterlandschaft. Die unterschiedliche Haltung lockt unterschiedliches Publikum: In der Volksbühne regiert die Lederjacke. Und die Schaubühne ist das wohl letzte Sprechtheater Berlins, wo man noch so richtig schön seinen Pelzmantel spazieren führen kann. 

BZ Berlin

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