Freitag, 31. Dezember 1993

"Kühnen '94. Bring mir den Kopf von Adolf Hitler" in der Volksbühne

Diesmal hat es Christoph Schlingensief wirklich geschafft: Er hat bewiesen, daß man auch das abgehärtete Publikum der Volksbühne noch schocken kann. Am Ende der endlosen 80 Minuten von "Kühnen '94. Bring mir den Kopf von Adolf Hitler", nach ungezählten Sex-Spielchen, Schrei-Exzessen, Ekel-Filmen, brunzdämlichen Kalauern, flachen Politkabarett-Nummern und manchmal erhellenden Einblicken in die spießbürgerliche Kindheit des Neonazi-Führers Kühnen, holte der Regisseur zum entscheidenden Schlag aus: Ein Amateurfilm aus den 60er Jahren zeigt die quälende Schlachtung einer Katze. Da verließen die Zuschauer reihenweise den Saal.

Und wozu das Ganze - wenn die altmodische Frage gestattet ist? Erreicht hat er, daß selbst mir, einem 32 Jahre alten gelegentlichen Konsumenten von Heavy-Metal-Platten und Splatter-Horrorfilmen schlecht geworden ist. Der privat so sanftmütige Schlingensief wird nicht müde, mir in Interviews zu erklären, warum es gut ist, wenn ich mich bei seinem Theater schlecht fühle. Er wolle "Hineinhorchen in Fehlfunktionen der Gesellschaft", "visuelle Grenzen verletzen" und "die Dinge aufeinanderprallen lassen".

Dazu stellt Schlingensief wie in einer Freak-Show die körperlichen Abnormitäten seiner Darsteller gnadenlos aus - etwa, wenn an der unglaublich fetten "Josephine" eine Abtreibung simuliert wird. Eigerahmt sind die Ekel-Partien von schlechtem Kabarett, in das jeder Tagesaktualität hineingezwängt wird - bis hin zum Russen-Hitler Schirinowski und seiner Elipton-Geheimwaffe. Und ständig sieht man, daß Schlingensief viel lieber einen Film inszeniert hätte.

Mag sein, daß die Alptraum-Dramaturgie im Film sogar funktioniert hätte: Schlingensief läßt hektisch Assoziationen aufeinanderfolgen wie in einem wirren Traum. Und wie im Traum das Unterbewußtsein die Eindrücke des Alltags bewältigt, so soll dieses Theater wohl den Irrsinn der Welt erträglich machen, indem es ihn lächerlich macht.

Das ist mißglückt. Man hatte einfach nur das Gefühl, der Beichte eines linkskatholischen Onanisten zu lauschen, der seine wildesten Phantasien gesteht. Und die Volksbühne, der offene Kanal unter Berlins Bühnen, gibt diesem Onanisten Sendezeit.Wenn's bloß dem Ruf dient, ein unberechenbares Theater zu sein ...

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