Samstag, 8. Januar 1994

"Der Kaufmann von Venedig" im Berliner Ensemble

Wie macht man aus einer fünf Jahre lang in Wien erfolgreichen Inszenierung eine Berliner Fassung? Man läßt Uwe Bohm ein T-Shirt mit dem Brandenburger Tor tragen. Ansonsten hat Peter Zadek auf alle wohlfeilen Aktualisierungen verzichtet. Sein "Kaufmann von Venedig" kommt im BE so rüber wie bei der Burgtheater-Premiere 1988: Rasend schnell wie "Wall Street" oder einer dieser anderen hektisch geschnittenen Streifen, mit denen Hollywood in den 80er Jahren Glanz und Elend der Börsen-Yuppies besang.

Yuppies sind auch die Kaufleute von Venedig. Ihr Judenhaß ist eine Stilfrage. So wie man eben auch jemanden verachtet, der die falschen Anzüge trägt oder im falschen Restaurant ißt. Beinahe im Vorbeigehen, wie eine Champagner-Wette auf den Gang der Aktien-Kurse, schließen Shylock (Gert Voss) und Antonio (Ignaz Kirchner) ihren mörderischen Vertrag, bei dem Antonio ein Pfund Herz-Fleisch riskiert.

Voss und Kirchner sind das Hirn und der Motor dieser Inszenierung. Wenn sie zusammen auf der Bühne stehen, knistert es. Dann schärft das Publikum seine Sinne wie Shylock sein Messer an den teuren Schuhen wetzt - denn jeder Wink, jede Geste, jeder Blick, jeder Zigarrenstumpf, der zu Boden fällt, und jedes Schnüffeln an den Klamotten des anderen ist ein Knoten im feinen dramatischen Gespinst, das die beiden weben. Und als grotesk verkleideter Prinz von Marokko und Prinz von Aragon dürfen sie auch noch ihr komödiantisches Talent beweisen.

Diese Szenen gestaltet Zadek mit einem wundervollen Zynismus, ohne Schielen nach politischer Korrektheit. Mit nichts bremst er auch den fiesen Humor von Uwe Bohm und Urs Hefti (als Clown Gobbo und sein blinder Vater) und so zwingen die beiden gemeinsam das ganze Theater vor Lachen auf die Knie.

Seltsam doppelgesichtig: Eva Mattes als Portia. Vor der Pause hatte sie noch den süßlichen Tonfall aus "Das Wunder von Mailand" drauf. Erst danach war sie die coole Frau, die weiß, daß sie den Armani-Hampelmännern ringsumher turmhoch überlegen ist. Bei einem Fußballspieler würde man vermuten, daß der Trainer in der Pause ein paar deutliche Worte mit ihr geredet hat.

Der Trainer-Regisseur Zadek hat jedenfalls nach ein paar bitteren Heimniederlagen bewiesen, daß er noch immer bundesligatauglich ist. Wir sind gespannt auf "Antonius und Cleopatra" mit der gleichen Mannschaft.

BZ Berlin

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