Samstag, 29. Januar 1994

"Der Sturm" in der Volksbühne

Ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis ist allen Figuren Chistoph Marthalers gemein. Und wo könnte die Ruhe größer sein als vor dem Sturm? In "Sturm vor Shakespeare", dem neuesten Streich des Schweizer Regisseurs, zwingt der Zauberer Prospero (Josef Bierbichler) seine Gefangenen nicht auf einer Insel zusammen, sondern in einem Salon, spießig holzvertäfelt wie der Rest der Volksbühne.

Hier hockt eine Abendgesellschaft, deren Problem man aus Luis Bunuels Film "Der Würgeengel" kennt: Eine geheimnisvolle Macht hindert sie am Verlassen des Ortes. Ist es die Hexe Sycorax? Prospero traut man soviel Macht nicht zu. Shakespeares Magier ist bei Marthaler zum Animateur einer sadistischen Gameshow heruntergekommen, der seine acht Gefangenen mit Zaubertricks quält, um die eigene Langeweile zu bekämpfen. Und Ariel ist ihm, was Martin Jente einst für Hans-Joachim Kulenkampff war: Butler und Büttel. Robert Hunger-Bühler spielt Ariel mit versteinerter Ausdruckslosigkeit.

Sehnsüchtig starrt Prospero hinter den Buffet-Wagen mit Champagner her, die von einer Kaltmamsell hin und wieder durch den Raum geschoben werden. Dort draußen muß wohl das Leben vibrieren! Hier drinnen bleiben ihm nur seine Puppen. Die begehen Fluchtversuche, wenn der Meister mal erschlafft ist und die straffen Zauber-Zügel lockert. Brabbeln Zitate aus dem "Sturm" von Shakespeare. Singen, schlafen und kreiseln endlos um sich selbst.

Aber wie schön ist dieses Kreiseln! Durch traumhafte Musik empfangen die acht Signale von außen, die sie zum Beten vor einem Schaufenster mit Filzpantoffeln zwingen. Ebenso traumhaft sind die Lieder, mit denen sie gegen ihre wunderbare Schläfrigkeit ansingen (u.a. Offenbachs "Barcarolle"). Und auch ihr Handeln ist geprägt von einem inneren musikalischen Ticken.

Kein Wunder, daß sich sogar Prospero am Ende mit einer Kammer-Arie outet: "Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar". Seine Marionetten interessiert das nicht, sie kreiseln weiter. Und auch der Magier kommt bei seiner Flucht nicht weit: Sie endet auf dem Klo, wo er statt Stürme zu entfesseln ein paar Winde abgehen läßt. Dorthin flohen am Premieren-Abend auch ein paar Zuschauer. Die meisten anderen genossen diese Zauberei wie eine gute Schallplatte - die kann man sich sogar mehrmals anhören. 

BZ Berlin

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