Donnerstag, 3. Februar 1994

"Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" in der Schaubühne

Der Traum jeder Kostümbildnerin! 33 Schauspieler für mehr als 300 Auftritte einkleiden! Susanne Rasching muß sich bei Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" gefühlt haben wie ein kleines Kind, das zum Wochenende im Kaufhaus zwischen Spielzeug und Süßwaren eingeschlossen wird.

100 Minuten lang begegnen sich in Luc Bondys Inszenierung an der Schaubühne Menschen auf einer Strandpromenade wie gemalt von Edward Hopper (Bühnenbild: Gilles Aillaud). Wortlos rennen sie aneinander vorbei, treffen sich, kämpfen, kriechen, flirten, sterben, lachen. Selbst gevögelt wird. Natürlich mit Stil - man ist schließlich nicht am Rosa-Luxemburg-Platz.

Eine Flugzeugcrew wird verfolgt von einem Dorftrottel mit Papierflügeln. Drei uralte Holzsammlerinnen tattern schwarzverschleiert vorüber. Mit ihren Sicheln könnten sie auch die Parzen sein, die den Menschen den Lebensfaden abschneiden. Einmal schwingt sich Tarzan an einer Liane durchs Bild. Und so fort. Sogar der Dichter dieses Bühnenwerks taucht höchstselbst auf.

Kurzweilig. Aber auch geheimnislos. Verblüffend nur durch die komische Einfallskraft von Autor, Regisseur und Schauspielern, die eine ganze Enzyklopädie der Fortbewegungsmöglichkeiten vorführen. In den schlechtesten Momenten Modenschau. In den besten der nie gedrehte Jacques-Tati-Film "Die Ferien des Monsieur Bondy".

Peter Simonischek ist das Double von Tatis berühmtem Monsieur Hulot mit Pfeife und Mütze. Und manchmal wird angedeutet, daß er hier die Drähte zieht. Regisseur oder Gott. Da kommt er mit einem Puppenhaus auf die Bühne, schließt dessen Vorhang und - husch! - wird auch die große Bühne hinter Stoff verborgen.

Als sei er seiner eigenen Leichtigkeit überdrüssig geworden, gibt Bondy uns am Ende noch eine Portion Weltuntergang zu kauen. Dunkler Himmel. Glocken tönen. Die Flaneure werden hektischer. Wehren aggressiv den Ansturm von Zuschauern ab, die sich dem Getümmel anschließen wollen. Und widerstehen dem Locken zweier rudernder afrikanischer Heilsboten.

Wer sich auf solche Tiefgründelei nicht einlassen will, kann immer noch versuchen, am Gang zu erraten, welcher Schauspieler Deutscher und welcher Franzose ist ("Die Stunde..." ist eine Koproduktion mit dem Festival d'Automne in Paris). Die Summe des Abends: drei Viertel Hopsasa, ein Viertel Halleluja. 

BZ Berlin

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