Mittwoch, 27. April 1994

"Die falsche Zofe" in der Volksbühne

Schade. Aus der ersten Regie des jungen Stefan Bachmann an der Volksbühne wurde nichts als eine Talentprobe. Dabei hat Bachmann mit viel Gefühl die aktuellen Bezügen im Marivaux-Stück "Die falsche Zofe" von 1724 aufgespürt. Aus den blasierten Adelsexistenzen des Rokoko-Autors macht er schicke Koksnasen wie sie die Münchner Nobeldiscos a la "P1" bevölkern. Und nebenbei bietet schönste Parodie auf Kokser-Rituale seit Woody Allen.

Da spürt man etwas vom Spaß, den alle bei den Proben hatten. Zuviel Spaß? Vielleicht hätte ein erfahrenerer Regisseur die Schauspieler noch mal in den Hintern getreten. Manchmal stehen sich Lelio (Michael Günther), die Gräfin (Susanne Wagner) und der Chevalier (Ursula Ofner) gegenüber. Und sie verfehlen sich um Nuancen. Um Hundertstel-Sekunden, Halbtöne. Sie spielen nicht miteinander. Jeder sagt seinen Text für sich.

Einzelnes gelingt glänzend, wenn Trivelin (Bruno Cathomas) und Harlequin (Isabella Parkinson) beteiligt sind. Oder die Aktzwischenspiele als die vier nutzlosen Existenzen zu Liedern aus Werbespots ihr Bacardi-Lebensgefühl tanzen. Aber dies bleibt doch die nicht zu Ende gepinselte Skizze einer wunderbaren komödiantischen Inszenierung. Schade - dabei spielte die ganze Welt mit: Als Lelio den Trivelin zu ermorden drohte, klang plötzlich von außerhalb der Volksbühne das Martinshorn eines Streifenswagens ...

BZ Berlin

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