Samstag, 7. Mai 1994

"Antonius und Cleopatra" vom Berliner Ensemble bei den Wiener Festwochen

Dies war der Abend der Eva Mattes im Theater an der Wien. Wieviel Pech hatte sie doch im letzten Jahr mit ihren Rollen! Als süßliche Animateurin, die besser in die Mini-Playback-Show gepaßt hätte ("Das Wunder von Mailand!). Als mopsige Soldatenbraut im Panzerknacker-Outfit, die den dampfeden genitalen Quatsch des spätpubertären Brecht aufsagen mußte ("Fatzer"). Als Provinz-Schönheit in einem Film, den gerade mal ein paar tausend Menschen sehen wollten ("Der Kinoerzähler").

Und nun - welch eine Rückkehr im Triumph! Als Cleopatra ist sie endlich das, was sie schon immer sein sollte: Die Frau, die mit überlegen gebändigter Weiblichkeit den dummen Männern ringsumher die Faust unter die Nase setzt. Und wenn so ein Prachtweib schon aus Liebe untergeht, denn reißt es mindesten den geliebten Kerl, den großen Feldhern Antonius (Gert Voss), und das ganze Reich mit in den Untergang.

"Antonius und Cleopatra", das ist in Peter Zadeks Wiener Festwochen-Inszenierung (ab Oktober auch im Berliner Ensemble zu sehen) die schaurige Mär von einer wilden Liebe in der eiskalten Höhenluft der Macht. Antonius geht für seine geliebte Nilschlange über Frauen, wie er früher über Soldatenleichen ging. Seine angetraute Fulvia stirbt verlassen in Rom. Und mit Octavia (Gaby Herz), der Schwester seines Gegenspielers Octavian (großartig: Veit Schubert) paart er sich nur, um sie beim nächsten Verrat ohne Sang und Klang zurückzulassen.

Ob sie nun Ägypter sind, die sich mit den Wohlgerüchen des Orients einnebeln, oder Römer, die Pulverdampf und Männerschweiß als Parfüm bevorzugen - Verrat ist ihr tägliches Brot. Die Menschen sterben nicht nur, weil sie verraten werden. Sie gehen schon unter, wenn sie sich bloß verraten glauben. In der Wüstenhitze Ägyptens sieht Antonius ständig die Fata Morgana des Verrats. Und gerade, daß er nicht bedingungslos an Cleopatras Treue glaubt, führt ihn ins Verderben.

Gert Voss als Antonius ist der Schatten des einstigen Wüstenfuchses. Je näher dem Tode, je ferner der Macht, desto mehr wird aus seiner unvergleichlich hellen Stimme das rauhe, verwaschene Organ des Verlierers. Am Ende siegt derjenige, der am glattesten verraten kann. Octavian ist der neue technokratische Typ des Verräters. Herrscher der neuen Zeit.

"Antonius und Cleopatra" ist Zadeks zweite Shakespeare-Inszenierung in jenem Alterstil, den er für den "Kaufmann von Venedig" schon entworfen hatte. Ohne die Mätzchen, die ihn früher berühmt-berüchtigt gemachten hatten, rasend schnell (trotzdem 3 Stunden 45 Minuten ohne Pause) und mit einer sehr gedämpften Theatralik, die die wenigen Gefühlsausbrüche um so erschütternder hervortreten läßt.

Dem Wiener Premieren-Publikum - ohnehin eher zum Juwelenrasseln als zum Appplaudieren gekommen - gefiel das nur zum Teil. An den Personen von Zadek, Voss und Mattes entzündeten sich die hierzulande schon rituellen Schlachten zwischen Bravo- und Buhrufern. Ihre Bewährungsprobe muß die Inszenierung erst in Berlin bestehen.

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