Montag, 9. Mai 1994

"Faust. Eine subjektive Tragödie" vom Hamburger Schauspielhaus in der Volksbühne

Kneipe oder Büro? Beides zugleich und nichts von allem. Vier Kneipentische, vier korrekte Herren, die mit Bleistiften auf winzige Blätter kritzeln. Ringsum ein ein Flaschenregal. Eine Theke. Ein Waschbecken. Sehnsüchtiges Dämmerlicht. Und eine Milchglasscheibe, hinter der melancholische Musik erklingt - das traumhafte Bühnenbild von Anna Viebrock verspricht mehr als Christoph Marthalers Inszenierung "Faust. Eine subjektive Tragödie" halten kann.

Eine Vorstudie für Größeres, mehr nicht - das ist dieser dösige Theaterabend, mit dem das Hamburger Schauspielhaus jetzt in der Volksbühne gastierte.

Bei diesem Entwurf - entstanden 1992 in Basel, 1994 nach Hamburg übernommen - fehlt alles, was den Reiz der späteren Schlaf- und Singabende Marthalers ausmachte: Plötzliche Ausbrüche von Musik, die mit Phasen dösender Langsamkeit wecheln. Und obendrein war der komplizierte lyrische Text vom Portugiesen Fernando Pessoa (1888-1935) oft einfach nicht richtig zu hören.

Trotzdem: Auch von den vier Doppelgängern Pessoas, die als Fäuste auftraten (Ueli Jäggi, Josef Ostendorf André Jung, Martin Horn) ging ein Abglanz des typischen musikalischen Marthaler-Zaubers aus. man mußte sich allerdings sehr geduldig auf den Rhythmus des Geschehens einlassen. Wer einmal im Programmheft las, war verloren!

BZ Berlin

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