Sonntag, 15. Mai 1994

"Goethes Faust. Wurzel aus 1 + 2" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Zum Schluß bekam das Theatertreffen endlich eine Aufführung, an der sich die Geister scheiden. Buhs kämpften mit Bravos, 100-200 Zuschauer flüchteten vor "Goethes Faust. Wurzel aus 1 + 2" vom Hamburger Schauspielhaus. Die Buhs für die Schauspieler waren unangebracht: Sie erfüllten im Schiller Theater das Regiekonzept mit bewunderswerter Präzision und dennoch bewahrte jeder seine individuelle Farbe. Aber sonst?

Marthaler geht davon aus, daß die Bildungsvoraussetzungen, vor denen sich Goethes Mammutwerk mit all seinen Anspielungen entfalten konnte, nicht mehr existieren. Bei ihm hat selbst Faust (Josef Bierbichler) seinen "Habe-nun-ach"-Monolog vergessen. Übriggeblieben sind nur die Selbstlaute: "A-U-A" stammelt Bierbichler und erst nach Minuten findet er die Sprache wieder wie das genesende Opfer eines Hirnunfalls.

Symptomatisch für den ganzen Abend. Es waren 100 mal mehr, mal weniger kluge, gespielte Fußnoten zum "Faust". Wie immer mit berückenden Liedern und einzelnen Glanznummern. Doch die Inszenierung ist wie ein wunderschönes Flugzeug, das Spitzendesigner und Konstrukteure entworfen haben. Es hat nur einen Fehler - es fliegt nicht. Es macht kleine Hopser, bleibt nie lange in der Luft und setzt prompt wieder zur nächsten Bauchlandung in der Beliebigkeit an. 

BZ Berlin

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