Freitag, 13. Mai 1994

"Sonnenuntergang" vom Wiener Burgtheater beim Theatertreffen

Ach, noch einmal im Schiller-Theater richtiges Theater sehen! Dieter Giesings atemberaubende Wiener Inszenierung "Sonnenuntergang". Ein kurzes, vom russischen Juden Isaak Babel 1926 in neun Tagen hingerotztes Stück.

Giesing läßt es knallen, wo es knallen muß - dann tanzt der Fuhrunternehmer Mendel Krik (Hans-Michael Rehberg) zu aufschreienden Geigen um sein Leben wie Alexis Sorbas. Dann prügelt sich der Familientyrann mit seinen Söhnen. Und als schon der kühle Benja (Ulrich Tukur) den Alten mit einem Revolverhieb in den Schwachsinn befördert hat, wimmert hinten noch Bruder Lwowka: "Er hat mir in die Eier getreten."

Daneben unendliche Zartheit. Wenn die Geliebte des Alten (Eva Herzig) schwatzend sich auszieht. Rehberg steht, raucht und guckt immer aufgelöster. Das ist nicht Geilheit, das ist die Erkenntnis, daß auch die Wärme dieses Halbkindes ihm nicht die Jugend zurückbringen wird. Und der zweite Tanz auf der Siegesfeier seiner Söhne: Als Jammerbild des Zerschlagenen schlurft Krik versteckt in der johlenden Schnorrermeute!

Eine Vatermordgeschichte in acht kinoprallen Breitwandbühnenbildern von Karl-Ernst Hermann. Die ausgerotteten Juden Osteuropas - hier leben sie wieder für einen Abend. Fuhrleute, Gauner, Rabbis, Schneider, Händler, Heiratsvermittler (eine Welt für sich: Fritz Muliar) - sie sind echt, sie sind schön. Sie machen traurig, sie machen süchtig. Und Rehberg ist diesmal wirklich groß. Hingehen!

BZ Berlin

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