Mittwoch, 11. Mai 1994

"Wolken Heim" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Der erste wirkliche Höhepunkt des Theatertreffens 1994. Was der 43 Jahre alte Schweizer Jossi Wieler aus Elfriede Jelineks "Wolken Heim" gemacht hat, das ließ die bisherigen Talentproben seiner Regie-Kollegen ziemlich kindisch aussehen.

Diese Inszenierung des Hamburger Schauspielhauses hat alles, was großes Theater braucht. Zunächst eine szenische Idee, die dem Text paßt wie eine Paradeuniform: Sechs Fliegerwitwen (Marion Breckwoldt, Marlen Diekhoff, Gundi Ellert, Ulrike Grote, Ilse Ritter, Anne Weber) leben im Bunker noch einmal das Dasein ihrer gefallenen Männer nach. Am Anfang plappern sie Zitate aus der Plunderkammer des deutschen Idealismus von Hegel bis Heidegger. Am Ende sind sie rohe Landsknechte, die schon vor dem Tode alles Menschliche abgelegt haben.

Wieler hat ein unglaubliches Gefühl für Timing und Rhythmus. Und er hat sechs furiose Schauspielerinnen, die er bremst, wo er bremsen muß - vor allem die diesmal großartige Ilse Ritter läuft ja immer Gefahr, von ihren Manierismen aus der Kurve getragen zu werden. Und die er antreibt, wo er sie in den kontrollierten Wahnsinn treiben muß.

Genug. Man müßte schon etwas vom hymnischen Schwung des in "Wolken Heim" verwursteten Hölderlin haben, um den Abend angemessen bejubeln zu können. Für alle, die's im Ballhaus Rixdorf verpaßt haben: Die Zugfahrt nach Hamburg dauert ab Ende Mai weniger als drei Stunden.

BZ Berlin

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