Mittwoch, 15. Juni 1994

"Amphitryon" im Deutschen Theater

Kein himmlisches Ambrosia, nur eine gutbürgerliche Götterspeise hat Jürgen Gosch mit seinem buchstabengetreuen "Amphitryon" im Deutschen Theater angerichtet. Und die Tragik, die Kleists 1806 entstandener Komödie innewohnt, ist ihm fast völlig abhanden gekommen.

Was bleibt, ist ein flotter Sechser im alten Griechenland: Jupiter auf der Suche nach irdischer Liebe und Merkur, der Spitzbube des Olymp, schleichen sich in der Gestalt des Amphitryon und seines Dieners Sosias bei deren Frauen ein. Doch Amphitryon (Daniel Morgenroth) scheint hier mehr vom Verlust der Herrschaft, der Frau und seines Palastes erschüttert als dadurch, daß der Gott (Götz Schubert) ihm sein Ich geraubt hat. Genauso wird seine Gattin Alkmene (Dagmar Manzel) zur Karikatur. Vom Komischen zum (Kleist völlig fremden) Lächerlichen ist es nur ein Schritt: Bei der Manzel ist es ein schuldmädchenhafter Hopser an den Hals des Göttergatten.

Wenn am Ende aus der Götterspeise kein ordinärer Wackelpudding geworden ist, dann verdankt das die Aufführung vor allem dem überragenden Ignaz Kirchner als Sosias. Er ist zum Brüllen komisch - wie erwartet. Das Publikum tobt, wenn er sich mit seinem Hausdrachen Charis fetzt (Margit Bendokat kann ihrer Herbheit hier die Sporen geben). Aber Kirchner läßt auch als einziger einen Hauch von Tragik spüren: Als sein Doppelgänger Merkur (Thomas Neumann als brutaler Unsympath) ihm krachend den Rücken bläut, zucken wir alle unter dem gnadenlosen Prügel der Götter. Und fühlen die Verzweiflung eines Menschen, dem mit roher Gewalt die Existenz gestohlen wird. 

BZ Berlin

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