Samstag, 10. September 1994

"Boris Godunow" in der Volksbühne

Der Kampf ging eindeutig aus: Gero Troike siegt über "Boris Godunow" mit einem technischen K.o. nach vier Stunden. Einen leichten Sieg über den Text erringt der Regisseur bei der ersten Saisonpremiere der Volksbühne. Aber was haben ihm Puschkins Tragödie und Mütterchen Rußland bloß getan? Warum, um alles in der Welt, findet ein Künstler Vergnügen daran, einen ganz Abend lang wenig mehr zu tun, als seine Schauspieler zu Klischees russischer Typen zu formen? Warum glaubt er, daß das Publikum darüber lachen kann? Warum behält er bei einem Teil der Zuschauer auch noch recht? Vielleicht ist das wieder irgend so ein Insiderscherz für die ostdeutschen Brüder und Schwestern. Vielleicht empfinden die es ja immer noch als befreiend, über die Russen lachen zu dürfen, auf Witzteufel komm raus.

Zugegeben: Puschkins Tragödie (geschrieben 1825) ist ein Schinken voller Pathos von Schillerschen Ausmaßen. Die Geschichte des Mönches Grigorij (Peter René Lüdicke), der sich für den ermordeten Zarensohn Dimitrij ausgibt und mit Hilfe von Polen und Litauern gegen den Thronräuber Boris Godunow (Hendrik Arnst) ins Feld zieht, ist ein farbenprächtiger Kostümfilm von epischer Breite. Halb Rußland tummelt sich auf der Bühne und Troike hat ganze Heerscharen von Statisten eingekauft, um das Gewimmel halbwegs abbilden zu können. Ein bißchen fordert solcher Historienbombast die Parodie ja geradezu heraus.

Aber wenn deutsche Klassikerzertrümmerer sich über Schiller lustig machen, hat das immer mehr oder weniger nachvollziehbare Gründe. Ein tausendfach gespielter, längst speckig vom vielen Befummeln gewordener Text soll gegen den Strich gebürstet werden. Welchen Sinn soll das bei diesem hierzulande kaum gespielten Russenschinken machen? Und wie heilig ernst wirkt die komödiantische Wut einer Castorf-Inszenierung verglichen mit diesem hingeschluderten Mist.

Der Russe als solcher: Bei Troike hüllt er sich in Kutten, geht schlurfenden Schrittes und verschwindet fast hinter einem gewaltigen Fusselbart. Den Text leiern die Schauspieler meist wie im Schülertheater, wenn pickelige Teenager sich vom fremden Pathos der Verse überdeutlich distanzieren wollen. Nach einer Stunde haben wir's kapiert. Nach zwei Stunden sind wir schon schwer genervt. Nach vier Stunden sind wir nur noch froh, das Theater endlich verlassen zu können.

BZ Berlin

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