Freitag, 2. September 1994

"Claustrophobia" vom St. Petersburger Maly Theater in der Volksbühne

Die Gespenster Rußlands trippeln auf Spitzenschühchen. In einem alten Theatersaal, irgendwo in St. Petersburg. Man kennt solche Säle auch aus historischen Filmen über die Oktoberrevolution. Da sitzen zarentreue Kadetten hinter den hohen Fenstern und schießen auf die Bolschewiki unten auf der Straße. Ein Ort, an dem man tanzt und mordet. Ideales Gelände, um die sowjetisch Gegenwart zu beschwören.

Zwei Stunden wirbeln die jungen Schauspieler des Maly Theaters und der St. Petersburger Theaterakademie. Szenen nach Vladimir Sorokin, Wenedikt Jerofejew, Ludmilla Ulitskaja und Mark Kharitonow. "Claustrophobia" (Regie: Lew Dodin) - ein Bilderbogen russischer Absurditäten.

Da berät ein Wissenschaftlerkommission langwierig, wie sie die Fäulnis des einbalsamierten Lenin-Leichnams stoppen kann. Und Lenin persönlich geistert als ruheloser Untoter umher, der sich nach einem normalen Begräbnis sehnt.. Die Insassen einer Irrenanstalt diskutieren über den Alkoholgehalt von Literatur: Soff Goethe selbst oder ließ er seine Figuren für sich saufen? Bettler, Soldaten, Gottesnarren, Huren treten auf und das gesamte russische Volk steht in der Schlange, der wichtigsten gesellschaftlichen Formation des Sowjetlebens.

Dies alles gelingt den jungen Darstellern mit einer schönen Leichtigkeit. Hier wirkt die Zauberkraft eines Theaters, das noch an seine ureigenen Mittel glaubt: Kein großer Aufwand an Kostümen und Bühnenbild. Nur Menschen, Musik, Mienen, Tanz, Sprache - sonst nichts, aber genug, um eine Welt zu schaffen. Und als die Nummernrevue nach zwei Stunden anfängt allmählich zu ermüden, da ist sie - schnipp! - vorbei. Genau im richtigen Augenblick.

Danach rauschte der Beifall minutenlang. Wohl auch eine Symphatiekundgebung. Die Russen gehen - das gilt hoffentlich nur für die Soldaten. Für solche Künstler gilt weiterhin: Kommet zuhauf!

BZ Berlin

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