Samstag, 24. September 1994

"Kriemhilds Rache" im Deutschen Theater

Das Deutsche Theater ist wie eine große Maschine zur Produktion ewiggleicher bühnen-realistischer Erfolgsprodukte. Am Samstag wurde das neue S-Klassenmodell enthüllt: "Kriemhilds Rache", der letzte Teil von Friedrich Hebbels Nibelungen-Trilogie. Ober-Ingenieur Thomas Langhoff hat die Herstellung geleitet, und seine herausragenden Seelen-Maschinisten Dagmar Manzel und Jörg Gudzuhn sind Motor und Hirn dieser Aufführung.

"Kriemhilds Rache" ist wie der letzte Mercedes: Alles ist gleich geblieben, nur die Karosserie ist fetter. Wer sich seit Jahren mit den vier Farben aus der Ausdruckspalette der Herrschaften Manzel und Gudzuhn bescheidet, der wird auch diesmal nicht die bunten Zwischentöne des Lebens vermissen. Die Manzel als Kriemhild: Das ist die Zickigkeit des späten Mädchens und die röhrende Rächerinnen-Wut der Witwe. Gudzuhn als Hagen Tronje: Das ist die laute Verblendung des eitlen Rammbocks und der leise Sarkasmus des beleidigten Besserwissers. Mehr ist den beiden nicht abverlangt worden.

Wie halbherzig hat Langhoff inszeniert! Er kann sich nicht zwischen Belustigung und Tragik entscheiden und verspielt so beides: Wir lachen, wenn wir erschüttert sein sollen - so am Schluß, wenn Etzel (Dietrich Körner) die Burgunder metzelt. Und wir starren erschüttert auf den Theaterboden, wenn wir lachen sollen.

Wieviele Schicksalsfäden seiner Figuren hat Langhoff achtlos liegen lassen! Kriemhild hat mit prahlerischer Geschwätzigkeit den Mord an Siegfried (Daniel Morgenroth) erst provoziert, und verdrängte Schuldgefühl sind der Treibstoff ihrer unmenschlichen Rachsucht - das hat Hebbel zwar aufgeschrieben, doch wir sehen es nicht auf der Bühne.

Bei den Wiener Festwochen hat die Inszenierung eine mittelschwere Bauchlandung erlebt. In Berlin wird sie ihr Publikum finden. Aber die Theatermaschine an der Schumannstraße hat schon lange nicht mehr so unüberhörbar gerasselt und geächzt. 

BZ Berlin

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