Dienstag, 18. Oktober 1994

"I do! I do! Das musikalische Himmelbett" in der Tribüne

Die Voraussetzungen für einen grauenhaften Theaterabend waren günstig: Das Musical "I do! I do! Das musikalische Himmelbett" vom Erfolgsduo Tom Jones und Harvey Schmidt entstand 1968, aber seine Geisteshaltung stammt eher aus den 30er oder 40er Jahren. Aus einer Zeit, als Frauen noch unberührt in die Ehe gingen und Kinder erst zur Hochzeit das Elternhaus verließen. Regisseurin Helga Wolf und Bühnenbildner Rolf Häusner haben in der Tribüne keine Anstrengungen gemacht, dem Stück die Plüschigkeit auszutreiben.

In den ersten zehn Minuten darf sich das frischgetraute Ehepaar Agnes und Michael (Mary C. Bernet, Hansgeorg Gantert) so hemmungslos peinlich anschmachten und dabei so erbarmungswürdig schlecht singen, daß man am liebsten flüchten würde - das ist schlimmer, als wenn Schock-Regisseur Johann Kresnik in der Volksbühne Schweinehälften brutzelt.

Aber dann fängt sich der Abend irgendwie doch noch knapp vor dem totalen Absturz. Die Darsteller singen sich frei, und in den weiteren Stationen dieser Ehe-Revue erleben sie die Schrecken des Alltags: Kinder, Geldsorgen, Ehekräche, versuchte Seitensprünge - halt alles, was zu einer irdischen Ehe unterhalb des Broadway Himmels gehört.

Auch in diesen Szenen bleibt Hansgeorg Gantert zwar zweifbeinig, steifgesichtig und steifstimmig, aber wenn er sich mit Mary C. Bernet fetzt ,kommt trotzdem Leben in die Bude. Die Bernet knattert zwar in den hohen Tonlagen, hat aber - wenn die Melodien sie nicht überfordern - einen hübschen Schmelz in der der Stimme, kann komisch sein, sieht gut aus und spricht "eine ganz wunnebar Deuts" mit holländischem Akzent.

So rundet sich am Ende doch noch alles zu einer unterhaltsamen Nichtigkeit. Und dafür gibt's mit Müh und Not noch ein Applaus-Bärchen.

BZ Berlin

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