Samstag, 22. Oktober 1994

"Schneider und Schuster" im Maxim-Gorki-Theater

Das Jahrhundert als Halluzination zweier Bühnensüchtiger: Von einem Vorsprechen bei Stanislawski bis zu einem Handy-Anruf aus Hollywood spannt sich die Geschichte eines jüdischen Schauspieler-Duos in Joshua Sobols "Schneider und Schuster". Peter Fitz hat die deutsche Erstaufführung am Maxim Gorki Theater inszeniert.

Das Stück ist ein bißchen Tabori - vor allem von Mr. Jay und Goldberg hat es einiges, ein bißchen Lubitsch und ein bißchen Woody Allen. Ein Vehikel für zwei großartige Darsteller: Albert Hetterle ist der Publikumsliebling Schneider. Und Ulrich Anschütz sein unerläßlicher gequälter Gegen-Spieler Schuster.

In einem verlassenen Theater spielen sie sich mit einer wüsten Dämonenbeschwörung durch 70 Jahre Haß und Verfolgung. Antisemitismus in Polen, die Flucht vor den Deutschen 1939, Folter-Verhöre bei Stalin - und immer die Frage: Was soll Theater angesichts all dessen?

Dabei glückt ihnen oft wirkliche Tiefe im Komischen: Wenn Schneider den Schuster zwingt, Hamlets "Sein oder Nichtsein" auf Jiddisch mit allerlei Hanswurstiaden zu rezitieren, wird das zum beklemmenden Sinnbild für Anpassung und Leiden. Um solcher Momente willen könnte sich "Schneider und Schuster" zum ersten Hit der Intendanten-Ära Wilms entwickeln. 

BZ Berlin

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