Freitag, 20. Januar 1995

"Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Maxim Gorki Theater

Laß sie nur zappeln - es gibt doch kein Entkommen! Je mehr sich die Tyrones auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters der totalen Selbstzerfleischung nähern, desto mehr Bewegung kommt in die Famlienmitglieder. Als versuchten sie, sich aus einem Netz von Schuld und Haß freizustrampeln. Dabei hatte alles so schön angefangen: Ein Sommertag, der Nebel löst sich auf, ein Ehepaar sagt sich Liebesworte und die Söhne scherzen mit dem Hausmädchen. Doch die Idylle existiert nur im Auge des Zuschauers. Waffenstillstand im Familienkrieg.

Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" ist ein autobiographisches Seelendrama. O'Neills Vater war, wie James Tyrone, ein Schauspieler, ein Geizkragen, der mit einem einzigen Stück jahrzehntelang erfolgreich durch die USA tingelte. In Tyrones jüngstem Sohn, dem versoffenen Dichterling Edmund mit der schwachen Tuberkulose-Brust, hat O'Neill sich selbst porträtiert.

Der israelische Regisseur Arie Zinger hat den Schauspielern mit seiner realistischen Inszenierung eine Folie für Glanzleistungen geboten: So erschütternd, so weit weg vom nach-brechtschen Vorzeigtheater hat man die beiden Hausstars Klaus Manchen (als Patriarch James Tyrone) und Monika Lennartz (als morphiumsüchtige Mutter Mary Cavan Tyrone) lange nicht gesehen. Mit zunehmender Spieldauer können Andreas Zog und Thomas Schmidt (als Edmund und James jr.) immer besser neben ihnen bestehen. Und aus der kleinen Rolle des tumben Hausmädchens Cathleen macht Katja Kurzke eine kitzlige Fünfzehn-Minuten-Komödie in der Tragödie. 

BZ Berlin

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