Sonntag, 19. März 1995

"Endspiel" im Berliner Ensemble

Das Monster ist ein großes, dickes Baby. Eingewickelt bis zum Bauch wie ein Indianersäugling hockt Hamm (Volker Spengler) in seinem Rollstuhl und scheucht die Welt. Oder das, was davon übrig ist: Seine Eltern Nell und Nagg (skurril: Christine Gloger, Michael Gerber), die ohne Unterleib in Mülltonnen vor sich hin vegetieren. Und sein Diener Clov (verhuscht: Hermann Beyer), der sich nicht mehr setzen kann. Sie alle beherrscht Hamm, weil er weiß, wie der Brotkasten aufgeht - und weil ausgerechnet er, der füllige Diktator, kein Interesse an der Nahrungsaufnahme zeigt.

"Endspiel" im Berliner Ensemble: Peter Palitzsch inszenierte Becketts absurden Klassiker. Brecht selbst hatte einst noch "Warten auf Godot" aufführen und gegen den Strich bürsten wollen. Auch "Endspiel", die poetisch-präzise Beschreibung eines Herr-Knecht-Verhältnisses hätte den Ahnvater des BE reizen können. Möglicher Titel einer Brecht-Inszenierung: "Herr Hamm und sein Knecht Clov".

Volker Spengler als Hamm: Eine komische Glanznummer. Er säuselt. Er befiehlt. Er quengelt und quasselt. Ein Selbstdarsteller ohne Publikum. Seine Eltern muß er mit Pralinen zum Zuhören bestechen. Sein Diener ist nur noch genervt von ihm. Das galt ganz und gar nicht fürs Publikum im BE an diesem Abend. Spengler heimste den Beifall fast allein ein.

BZ Berlin

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