Donnerstag, 2. März 1995

"Onkel Wanja" im Deutschen Theater

Die Gutsbesitzergesellschaft des Zarenreiches als gigantische Selbsterfahrungsgruppe: Rußland ist endlos, aber nicht so unendlich, daß diese überflüssigen Menschen es nicht mit den Strömen ihres Geschwätzes überfluten könnten. Warum wir ihnen dennoch fasziniert zuhören - das bleibt das Geheimnis der Kunst Anton Tschechows (1860-1904).

Ein falscher Ton, der sich ins Konzert der Stimmen mischt, und von der typischen Tschechow-Musik bleibt nur Gelaber. Thomas Langhoff hat seine Schauspieler für "Onkel Wanja" hervorragend gestimmt. Selbst Jörg Gudzuhn spielt den Astrow, als sei die Dampfmaschine, die in diesem Schauspieler ständig am Kochen zu sein scheint, behutsam herunterreguliert worden. Nur Christian Grashof als verzweifelt-komischer Onkel Wanja, der Jelena (Dagmar Manzel) liebt, es aber nicht fertigbringt, ihren pompösen Gatten (Dietrich Körner) zu töten, ist ein bißchen zu verzweifelt und ein bißchen zu wenig komisch.

Die Seele des Abends aber ist Ulrike Krumbiegel als Sofja. Eine verborgene Hauptrolle, mit allen Figuren gefühlsmäßig verbunden. Wie sehen hier wirklich jede Seite dieser schwärmerischen Landpomeranze: Ihr Sehnen nach der Liebe Astrows. Ihr Aufblühen, als sie sich öffnet wie eine geschwollene Knospe. Den bitteren Humor ihres vergeblichen Hoffens. Und ihr enttäuschtes Sich-wieder-schließen. Ausgerechnet ihr hat Tschechow eine bescheidene Erlösungshoffnung in den Mund gelegt. So wie die Krumbiegel sie spielt, müßt davon auch ein grausamer Gott gerührt werden. 

BZ Berlin

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