Donnerstag, 30. März 1995

"Reiter zum Meer" im Ballhaus Rixdorf

Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft - alles dasselbe auf den irischen Insel der Aran-Gruppe in John Millington Synges Einakter "Reiter zum Meer". Die Menschen leben von dem, was sie mühsam dem Meer abringen. Sie hausen in kargen Hütten und kleiden sich in Stoffe, die grob sind wie Felle.

Gisbert Jäkel hat für die Aufführung im Ballhaus Rixdorf eine mit Schindeln bedeckte Bühnen-Insel gebaut, auf der der junge Regisseur Peter Wittenberg die Schauspieler mit den Mitteln archaischen Ritual-Theaters spielen läßt. Da wird Text fast immer mit dem Gesicht zum Publikum gesprochen, da wird Erschrecken durch einen 20 Sekunden aufgerissenen Mund angezeigt und Erschütterung durch erhobene Arme. Das wirkt für die an naturalistisches Spiel gewöhnten Zuschauer so fremd wie das japanische Nô-Theater. Aber es ist der rauhen Sage von einer Mutter, die alle ihre Söhne durch das Meer verliert, angemessen.

Hin und wieder durchbrechen vor allem Tina Engel (als Mutter) und Karoline Eichhorn (als Tochter) die gewollte Starre. Dann berühren ihre Trauer und Wut uns wahrhaftig. Aber gerade dadurch kommt auch der Eindruck stilistischer Unentschlossenheit auf. Trotzdem: Knapp 60 Minuten faszinierende Theater-Poesie im kleinen Ableger der Schaubühne.

BZ Berlin

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