Donnerstag, 16. März 1995

"Richard III." im Schloßpark-Theater

Ein scheintotes Theater lebt wieder - das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Was dort gezeigt wird, kann außer den notorischen Fans von Heribert Sasse niemand begeistern. Der neue Hausherr des Schloßpark-Theaters eröffnet seine Herrschaft größenwahnsinnig wie gewohnt. Er spielt Shakespeares schillernden Schurken "Richard III.". Aber eigentlich spielt er das, was er schon immer gespielt hat, auch wenn das Stück "Arturo Ui" oder "Leutnant Gustl" hieß: Sasse, den Sassisimus, den Tausendsassa.

Die Inszenierung: Zapping-Theater. Fünf Minuten. Zap! Nächste Szene. Auf allen Kanälen grinst nur Sasse. Neben ihm glänzen allenfalls noch zwei schmerzlich vermißte große Damen aus dem Ensemble der Staatlichen Schauspielbühnen: Anneliese Römer und Dagmar von Thomas.

Der Rest ist Rahmenwerk für den gnadenlosen Sasse. Jungschauspieler, die den intriganten Adel des Londoner Hofes ganz blaß aussehen lassen. Wie können diese Milchgesichter an die Treueschwüre, Versprechen und Demutsgesten des Emporkömmlings glauben, dem Sasse die Bosheit und Schleimigkeit so überdeutlich ins Gesicht schreibt?

Bis zur Pause schnackelt das Sassival noch ganz flott vor sich hin. Doch je mehr das Gemetzel voranschreitet, desto weniger interessiert das blutige Bühnengeschehen. Da können auch Theatergesten von erschütternder Aufdringlichkeit nichts mehr ändern: Wenn Richard Morde befiehlt, knabbert er an Hühnerbeinchen. Und wenn er will, daß Genicke gebrochen werden, bricht er die Hühnerknochen, mehr ans Publikum gewandt als an seine Befehlsempfänger.

Ganz schlimm das Ende: Richard stirbt. Erstochen vom Bürgerkriegs-Sieger Richmond (Olaf Grund, harmlos wie ein kindlicher Dreikönigs-Singer mit angeklebtem Schnurrbart). Und als sich Sasse dann noch einmal aufbäumt, da sieht das so komisch aus, als hätte er ein paar Schauspiel-Nachhilfestunden bei Otto Waalkes genommen.

Die Sasse-Fans, von denen es in Berlin ja Zehntausende geben soll, werden es hoffentlich trotzdem lieben und massenhaft ins Schloßpark-Theater strömen. Denn jedes, wirklich jedes offene Theater ist ein gutes Theater - weil es auch immer eine Hoffnung auf Besseres ist. 

BZ Berlin

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