Sonntag, 2. April 1995

"Das letzte Band" im Maxim-Gorki-Theater

Samuel-Beckett-Revival in Berlin: Zwei Wochen nach "Endspiel" im Berliner Ensemble nun "Das letzte Band" im Maxim Gorki Theater. Mit diesem Stück feierten schon Martin Held und Bernhard Minetti Triumphe. Wie sie ist Albert Hetterle ein Schauspieler, der auf ein langes, wechselhaftes Leben zurückblicken kann. Regisseur Thomas Langhoff (erstmals seit 1991 im Gorki) leistet sich dezente Anspielungen: Für Wessi-Augen nahezu nicht erkennbar, läßt er im Gerümpel des alten Krapp (Hetterle) ein Parteibuch und einen Fetzen roten Stoff auftauchen. Und auch die Bananenfresserei hat hier einen anderen Beigeschmack...

Hetterle spielt virtuos den Schriftsteller, der an seinem 69. Geburtstag versucht, sich an seine Mannesjahre zu erinnern. Er gewinnt der bescheidenen dramatischen Situation die Unmenge von Nuancen ab, die man bei einem Schauspieler seiner Kraft und Erfahrung erwarten kann. Doch berührt sind wir nur, als er aus Verzweiflung über seine jugendliche Dummheit zusammenbricht.

Das Überraschendste ist das Tonband: Wo sonst oft ein winziges, popeliges Gerät quietschte, steht eine riesige, elegant holzverkleidete Hightech-Anlage. Sie sieht fast aus wie der Computer "HAL" aus "2001". Und wie dieser wird die Erinnerungsmaschine zum echten Gegenspieler des Menschen.

BZ Berlin

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