Montag, 15. Mai 1995

"Herr Paul" in den DT-Kammerspielen (Theatertreffen)

18 Berliner Aufführungen hat die Jury des Theatertreffens 1994/95 bewertet Für einladungswürdig wurde allein "Herr Paul" befunden. Eine zuvor etwas versteckte Perle der Kammerspiele des Deutschen Theaters. Regisseur Michael Gruner hat schon mit seinem "Thomas Chatterton" im Schloßpark-Theater 1993 bewiesen, daß er ein Talent hat für Stücke, in denen Wahn, Wunder und Wirklichkeit unentwirrbar verknotet sind.

Tankred Dorsts Drama fängt an als scheinbares Zeitstück über den Konflikt eines Hauserben (Daniel Morgenroth) mit seinem ewigen Mieter (Kurt Böwe) - und plötzlich wird es zum dezenten Gruselmärchen. Die göttliche Gleichgültigkeit des Herrn Paul macht ihn unzerstörbar, untötbar. Wie ein Zombie kehrt er nach jedem Tod zurück. Selbst wenn der verzweifelte Yuppie ihn eigenhändig zerhackt.

Die Halle, in der Paul mit Schwester Luise (Christine Schorn) residiert, ist ein schwarzes, verwunschenes Märchenschloß. Auf dem glitschigen Boden der Ex-Seifenfabrik kommt die wirtschaftliche Vernunft des Hauswirts und seines Partners (Udo Kroschwald) ins Schleudern.

Kurt Böwe ist Herr Paul, die Mitte dieses hinterhältig-spannenden Theaterabends: Ein Mann wie ein Moor. Träge und bewegungslos, trügerisch und breit liegt er da. Nur hin und wieder blubbert und brummt er gefährlich. Und jeder, der sich ihm nähert, kann in den Abgründen seines Wesen versinken.

BZ Berlin

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