Samstag, 20. Mai 1995

"Raststätte" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg beim Theatertreffen

Die lateinische Spruchweisheit "Nach dem Liebesakt ist jedes Lebewesen traurig" kennt auch Frank Castorf. Wenn's stimmt, ist unsere sexbesessene Gesellschaft die traurigste aller Zeiten. Genau so hat Castorf für das Hamburger Schauspielhaus "Raststätte", Elfriede Jelineks Stück über einen unflotten Vierer an der Autobahn inszeniert: Vorspiel, Orgie (urkomisch, danach kann man Sex wirklich nicht mehr ernst nehmen) und dann Tristesse. Weil Castorf das Stück nicht leiden kann, läßt er kotfarbene Heilerde regnen, macht sich über die Autorin lustig und stellt dem Jelinek-Text Zitate u.a. von Schiller gegenüber. Das alles verwirrte das Publikum beim Theatertreffen-Gastspiel in der Volksbühne spürbar.

Viele Buhs und einzelne Bravos für den Regisseur. Warmer Beifall für die Schauspieler, die alle durch Einsatz und kontrollierten Irrsinn überzeugten. Herausragend: Die famose und umwerfend komische Marion Breckwoldt. Sie war auch die einzige, die Jelineks Sätze nicht wie Fremdkörper ausspuckte, sondern sprach, als würde sie nie anders reden. 

 BZ Berlin

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