Sonntag, 4. Juni 1995

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" im Berliner Ensemble

Wenn deutsche Dichter nach Amerika fahren ... Bertolt Brecht war da. Und auch sein Nachfolger Heiner Müller. Brecht im Exil. Und Müller zur Erholung nach seiner schweren Krebsoperation im Herbst 1994. Beide haben sie dort Inspiration aufgesogen. Brecht ließ sich von der Geschichte Al Capones und seiner Gangster 1941 zum Stück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" anregen. Darin erzählt er Hitlers Weg zur Macht als eine Parabel aus der Welt des organisierten Verbrechens.

Jetzt hat Müller das belehrende Schauermärchen im Berliner Ensemble neu inszeniert. Und hat es mit ein paar Versatzstücken angloamerikanischer Popkultur gewürzt. Der 66jährige, der schon ein reifer Mann war, als Elvis die Hüften schwang, peppt sein Theater mit abgestandenem Tran aus der Hitparade der Siebziger Jahre auf. Das sind die allertraurigsten Momente eines oft tieftraurigen Abends.

"The Night Chicago Died" singt die Bubblegum-Kapelle "Paper Lace" zwischen den einzelnen Bildern. Und während die Musik in unseren Ohren dröhnt, haben wir ausgiebig Gelegenheit, uns an einem Abend vor kurzem im Schloßpark-Theater zu erinnern. Da lief auch so eine Bösewicht-Ballade, wo die Szenenwechsel zu schneller Musik vollzogen wurden und das, was dazwischen lag, zu absoluter Belanglosigkeit schrumpfte. "Wer dächte da nicht an Richard III.?" fragt ein Radioansager im "Arturo Ui" sogar einmal wörtlich. Mit seinem Griff zum Pop und zur Nummernrevue wollte Müller Castorf sein - es hat aber nur zum Sasse gereicht.

Natürlich hat Müller bessere Schauspieler als Sasse: Martin Wuttke als Arturo Ui ist ein Ereignis. Der Gangster mordet, fleht, schmeichelt, verrät und schändet - alles nur aus Angst. Ein hechelnder Kampfhund unter Wölfen. Immer bereit, zuzubeißen oder sich demütig winselnd auf den Rücken zu werfen. Morden heißt für ihn: Wieder einmal jemanden überlebt haben. So liefert Wuttke nicht nur eine aufregende neue Sicht des Ui, sondern auch des Vorbildes Hitler.

Das zweite große Ereignis: Minetti. Er ist der Schauspieler, der Ui die pathetischen Gesten einbleut, die man braucht, um die Massen zu blenden. Es ist genau dieses hohle Armehochreißen und Kopfzurückwerfen, das Bernhard Minetti nie nötig hatte. Er tischt es dem Ui mit der ironischen Gelassenheit desjenigen auf, der weiß, daß diese Glasperlen der Schauspielkunst auf den Rednertribünen noch einen Marktwert haben.

Wuttke, Minetti - das war's dann schon. Der Rest bleibt zwei Schritte vor dem Abgrund stehen, über dem große Schauspieler manchmal schweben können. Allenfalls Hermann Beyer als Roma und Veit Schubert als Clark werden noch zu Figuren aus Fleisch und Bühnenblut. Der anderen rudern oft schon bedauernswert hilflos durch diese epische Operette voller Plunder aus der Klamottenkiste des Geisterhauses am Schiffbauerdamm.

"Arturo Ui" bebildert die altkommunistische These, daß Hitler nur eine Marionette der Industrie war. Warum soll man dieses Stück heute spielen? In einer Zeit, wo die weltweit operierende Wirtschaft vielleicht das festeste Bollwerk gegen die Machtübernahme neuer Nazis ist? Jedesmal, wenn hierzulande ein Asylantenheim brennt, werden in den USA weniger BMWs verkauft. Darauf gibt Müller keine Antwort. Vielleicht kannte er die Frage auch nicht. Aber welche hat er dann gestellt?
 
BZ Berlin

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