Donnerstag, 1. Juni 1995

"Die Präsidentinnen" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Was für eine Gelegenheit, mal den Allwissenden zu spielen! Ich habe zum dritten Male eine Inszenierung von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" gesehen. Nach 1992 in der Schiller-Werkstatt und 1995 vom Wiener Burgtheater jetzt in den DT-Kammerspielen. Gerne nehmen Kritiker so etwas zum Anlaß, dem Leser eine Breitseite von Vergleichen vor den Bug zu feuern. Das ganze garniert mit einem Zitat des Kritikerklassikers Alfherberich Kerrluftering - und an der Kompetenzfront haben wir einen strahlenden Sieg errungen.

Na ja...

Ich beschränke mich also auf die schlichte Mitteilung: "Die Präsidentinnen" 1996 in den Kammerspielen sind oft ganz große Klasse und das liegt an den drei Schauspielerinnen. Aber oft ist die Inszenierung von Sewan Latchinian auch nicht ganz so klasse, wie sie es sein könnte - und auch das liegt an den Damen.

Wir sehen die Geschichte dreier einsamer alter Frauen, die die Abende vor dem Fernseher verquatschen. Ein Trio banal, das im wundervoll gedrechselten Schwab-Deutsch über Fluchten aus dem Trübsinn phantasiert. Und am Ende liegt eine mit durchgeschnittener Kehle da.

Am besten: Uschi Staack. Als lustige Nazi-Tante schwingt sie sich auf in jene einsamen Hören, denen sich das Ordinäre und das Geniale zum schmierigen Zungenkuß vereinen. Auch Margit Bendokat als metaphysische Klofrau Mariedl gibt ihrem Affen ordentlich Zucker - und bei diesen Fütterungen sehen wir ja immer gerne zu. Carla Hagen macht es sich am schwersten: Ihre Grete, die verkniffene Betschwester mit der Pelzmütze, legt sie zurückhaltend an - wobei nicht immer klar ist, ob dafür mehr künstlerische Skrupel oder ihre zahlreichen Texthänger verantwortlich waren.

Trotz allem: Vor allem im zweiten Teil lacht man sich schier schlapp. Und nur weil doch ein paar zarte Seelen fluchtartig das Theater verließen, sei hier gewarnt: Bei den "Präsidentinnen" ist ziemlich viel von menschlichen Körperausscheidungen die Rede! 

BZ Berlin

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