Montag, 20. November 1995

"Philoktet" im Berliner Ensemble

Warum ziehen sich Menschen an? Warum verhüllen sie sich, statt nackt umherzuspringen wie einst im Paradies? Bisher dachten wir: Weil sie sich sonst im bitter kalten Frost die kostbaren Weichteile abfrieren. Seit "Philoktet", der neuesten Produktion des Berliner Ensembles wissen wir noch einen zweiten Grund: Menschen tragen Kleider, weil es nichts Ödereres gibt als den Anblick nackter Pimmel und Gesäße.

Über zwei Stunden quält Regisseur Josef Szeiler Zuschauer und Schauspieler. Nino Sandow (als Odysseus) und Uwe Preuß (Neoptolemos) sind nackt bis auf die Schuhe, nur der 67jährige Fritz Marquardt (als verstoßener griechischer Feldherr Philoktet) darf freundlicherweise eine Jeans anbehalten. Wie klassizistische Statuen sitzen sie starr auf der riesigen Bühne, die sich von der Brandmauer bis zur Rückwand des Zuschauerraums quer durchs BE erstreckt, und leiern den Heiner-Müller-Text. Alle paar Minuten geht das Licht aus, dann wechseln sie die Posen und leiern im Dunkeln weiter oder im Hellen - wenn kümmert's noch nach einer halben Stunde?

In meiner Sammlung der grauenhaftesten Theaterabende 1995 nimmt "Philoktet" den Rang der Blauen Mauritius ein. Noch vor solchen Orgien der Unkultur wie "Richard III." im Schloßpark-Theater, "Werwölfe" in den Kammerspielen oder "David" im Hebbel-Theater. Ein Inferno der Langeweile. 

BZ Berlin

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