Freitag, 6. Oktober 1995

"Lila" vom Theater Affekt im Theater Zerbrochene Fenster

Als Goethe einmal Freud sein wollte ... Da schrieb er das Singspiel "Lila". Das "Theater Affekt" hat das verschollene Ding von 1777 wieder ausgegraben: Die Geschichte einer verwirrten Frau (Ursula Ofner) und ihres Arztes (Joey Zimmermann), der versucht, sie durch Theatertherapie zu heilen, ist so tot nicht wie sie schien - in diesem therapiesüchtigen Zeitalter!

Regisseur Stefan Bachmann und Dramaturg Thomas Jonigk ergänzten Goethes Text mit ironischem Respekt. Was Riechsalz und Ohnmachtsanfälle für die Schnupftuch-Society des 18. Jahrhunderts waren, das sind die Worthülsen der Psycho-Industrie für unsere Zeit: Hilflose Mittel im Kampf mit den Fallstricken des Unterbewußtseins.

Und wie amüsant Lilas adelige Familie Sternthal in diesen Stricken zappelt: Plötzlich kommen bei allen Inzest, Haß und Homosexualität zum Vorschein. Der Arzt Verazio ringt mit ihnen wie ein Jungregisseur am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Zum Glück hat Bachmann seine Truppe besser im Griff: Ob ein Kuß in einer Popel-Pantomime endet oder die Elfen kitschig singen und tanzen wie ich es seit seligen Weihnachtsmärchentagen nicht gesehen - "Lila" ist unterhaltsam, geistreich, böse, schön anzuhören, noch schöner anzuschauen. Gehet hin! 

BZ Berlin

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