Donnerstag, 5. Oktober 1995

"Prinz Friedrich von Homburg" im Deutschen Theater

Der Lorbeerkranz - "Wo fand er den in meinem märkschen Sand?" wundert sich der Große Kurfürst (Dieter Mann). Gute Frage. Das Brandenburg des späten 17. Jahrhunderts sieht im Deutschen Theater (Bühnenbild: Johannes Schütz) so kahl aus wie die Mark des späten 20. Jahrhunderts nur auf den ödesten Mondlandschaften des Braunkohlentagebaus.

Durch diesen düsteren Traum in preußischblauer Nacht irrt ein verlorener Teenager: Michael Maertens als "Prinz Friedrich von Homburg". Einer wie Kleist, der Dichter, der den Prinzen schuf. Hier sieht man: Der "Homburg" war für Kleist ein versteckter "Tasso". Der Prinz - ein schwankendes Gemüt, oft unerträglich für seine Mitwelt. Mal optimistisch traumbefruchtet, mal kleine Gunstbeweise seines kurfürstlichen Onkels sammelnd wie ein unsicheres Waisenkind auf der Suche nach Elternliebe. In Gespräch mit Erwachsenen, mit seinen Offizieren, mit dem Kurfürst, der Fürstin, brüllt dieser Knabenmann gerne - vor allem, wenn er im Unrecht ist.

Und im Unrecht ist er das ganze Stück über: Der ruhmgeile Friedrich hat vor lauter Verliebtheit in Natalie (Claudia Geisler) nicht richtig zugehört, als der Plan für die Schlacht bei Fehrbellin mitgeteilt wurde. In der Runde ernsthaft mitschreibender Offiziersbeamter stand er wie ein Schuljunge, der aus dem Fenster nach dem Mädchengymnasium schielt. Der Prinz verpatzt prompt seinen Einsatz. Der Sieg über die Schweden fällt nicht so groß aus wie erhofft. Ein Kriegsgericht verurteilt ihn zu Tode.

Der Kurfürst legt die Gnade in die Hand des Delinquenten: Wenn er aufrichtig findet, daß er zu Unrecht angeklagt wurde, dann wird er begnadigt. Der Prinz erkennt seine Schuld und fügt sich dem harten Urteil. Was bei Kleist die Geburt eines neuen reiferen Prinzen ist, ist hier nur eine Geste des Trotzes: Homburg empfindet auch diese Verantwortung als Zumutung. Seine Einwilligung in den Tod ist eine Selbstmorddrohung. Das letzte versteckte Betteln um Vaterliebe.

Ein Männer- und Bubendrama wie man sieht. Da bleibt selbst Jutta Wachowiak als Kurfürstin nur großartiges Beiwerk. Nur Claudia Geisler hat etwas Spiel-Raum: Ein Teenager wie der Prinz, zu früh beladen mit der Last, einen Staat zu tragen. Doch die ganz großen Auftritte blieben den Männern vorbehalten: Außer Maertens vor allem Dieter Mann als Kurfürst zwischen Liebe und Staatsräson, der den Konflikt in seiner Brust austrägt und doch sichtbar macht. Und Jürgen Holtz als Oberst Kottwitz gab diesem preußischen Typen eine Seele.

Nicht vorgesehen in der Inszenierung von Jürgen Gosch: Die Ohnmacht einer Bäuerin, die die (falsche) Nachricht vom Tode des Kurfürsten hört. Die Schauspielerin Annelene Hischer brach grippegeschwächt auf der Bühne zusammen. Es geht ihr aber schon wieder besser. 

BZ Berlin

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