Donnerstag, 16. November 1995

"Das trunkene Schiff" im 3. Stock der Volksbühne

Im Herbst 1988 lag die DDR schon in den vorletzten Zügen. Die Stasi war zwar noch allgegenwärtig, aber ihre IMs berichteten aus dem 3. Stock der Berliner Volksbühne nur noch unbrauchbare Halbpoesie wie "Castorf ist mit seinen Gedanken manchmal schon so weit voraus, daß er gar nicht mehr beachtet, was er eigentlich meint." Der messerscharf observierte junge Provinzregisseur probte auf der winzigen Experimentalbühne des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz gerade seine erste Inszenierung für die Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates: "Das trunkene Schiff", ein Stück des Expressionisten Paul Zech über den legendären Dichter Arthur Rimbaud. Eine Art Stationendrama: Jugendjahre in der Provinz, Ankunft in Paris, Beziehung mit dem eher kleinbürgerlichen Verlaine, Mordversuch Verlaines an Rimbaud, die Kommune, Tod. Castorf sah Rimbaud als frühen Popstar: "Das Hochgespültwerden in einem Massensystem, so wie Madonna oder Michael Jackson, das hat mich interessiert." Hochgespült wurde auch Frank Castorf: Die Premiere am 9. September 1988 machte den damals 37jährigen schlagartig auch im Westen bekannt.


 Heute, sieben Jahre später, ist Castorf einer von den vielleicht fünf deutschsprachigen Regisseuren, deren Namen selbst Menschen kennen, die nie ein Theater betreten. Seit 1992 ist er der supererfolgreiche Intendant der Bühne, in der seine überregionale Karriere begann. Und hier ist jetzt jenes kleine Stück Theatergeschichte wieder zu besichtigen - die Volksbühne hat "Das trunkene Schiff" in der originalen Besetzung wieder aufgenommen. Nur Michael Lucke ist nicht dabei. Der Darsteller des Labatut reiste kurz nach der Premiere aus der DDR aus und ist nie zurückgekehrt. Seine Rolle übernahm Harald Warmbrunn.

Die knapp zweistündige Inszenierung ist immer noch erstaunlich staubfrei. Hier keimte schon Vieles, was noch heute zu den Zutaten des Castorfschen Theaters gehört: Henry Hübchen als Protagonist und Alter Ego des Regisseurs, Slapstick, schauspielerische Improvisation, Musik als Kommunikationsersatz, mindestens zwei fleischliche Geliebte des Meisters (Silvia Rieger und Cornelia Schmaus), Nahkampf mit dem Publikum, Mehlbomben und das schräg-schöne Bühnenbild von Bert Neumann. Höhepunkt ist die Szene, wo Verlaine Geburtshilfe bei einem Rimbaud-Gedicht übt: "Du mußt es von ganz tief raufholen, tiefer." Und Rimbaud brüllt und windet sich wie eine Niederkommende, bevor er plötzlich loslegt: "Des Schwarzbeerstromes unbekannte Fluten ..."

Nur wenige Gags haben ihr Verfallsdatum überschritten. Etwa wenn Hübchen als Verlaine sich über die Widerwärtigkeit von Artischocken mokiert, die in der DDR völlig unbekannt waren. Heute sieht man Henry Hübchen an, daß er mittlerweile ziemlich viele Artischocken - neben anderen westlichen Genüssen - probiert hat. Auch die restlichen Darsteller sind gereift: Das Haar der schönen Silvia Rieger, die Rimbauds pubertäre Schwester Isabella spielt, ist von silbernen Fäden durchzogen und Rimbaud selbst (Axel Wandtke) wurde vom Knaben zum Mann.

Das nostalgische Familientreffen kam übrigens zustande, weil die brasilianischen Goethe-Institute nach einer kleinen Castorf-Produktion für ein Gastspiel gefragt hatten. Im Sommer 1996 wird "Das trunkene Schiff" auf große Fahrt nach Rio, Sao Paulo, Brasilia und San Salvador gehen.

BZ Berlin

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