Montag, 6. November 1995

"David" im Hebbel-Theater

Die große Koalition von CDU und PDS - in der Politik ist sie noch ein vager Alptraum. Auf dem Theater ist sie in Berlin gerade vollzogen worden. Ausgerechnet Brigitte Grothum, die Schauspielerin und Diepgen-Propagandistin, die 1992 beim Tode von Marlene Dietrich der ausgewanderten Diva noch ein letztes Mal die alte Stinkbombe "vaterlandslose Gesellin" ins Grab hinterherwarf, inszenierte eine Uraufführung von - ausgerechnet - einem anderen Emigranten: Bertolt Brecht (1898-1956). Zur Verfügung gestellt hat ihr das dramatische Bruchstück, das der junge Brecht zwischen 1919 und 1921 in Augsburg schrieb, ausgerechnet Barbara Schall, die Brecht-Tochter, die von Ost-Berlin aus jahrzehntelang darüber wachte, daß keine allzu frische Bühneninterpretation die Versteinerung ihres Vaters zum Klassiker aufhielt. Und die Hauptrolle spielt ausgerechnet ihr Mann, Ekkehard Schall, der in seliger DDR-Zeit Hauptrollenspieler und stellvertretender Intendant des von Brecht gegründeten Berliner Ensembles war. 1961 sprach er sich in einer Umfrage für den Bau der Mauer aus. Heute gehört er zu denen, die ihren Karriereknick nach der Wende bewältigen, indem sie sich in linke Stammtischphrasen-Drescherei a la "die DDR ist kohlonialisiert worden" flüchten.

Es handelt sich beim Team Brecht-Schall-Grothum jedoch weniger um eine politische Verbrüderung als um eine Zweckehe: Die Serientante Grothum wollte den Ritterschlag der großen Kunst, der abgehalfterte Schall wollte mal wieder eine Hauptrolle und Frau Barbara wollte dem amtierenden Leitungsteam des Berliner Ensembles unter Heiner Müller eins auswischen. Dort habe ja niemand das Stück haben wollen, verkündete sie süffisant lächelnd vor einigen Wochen.

Die Uraufführung von "David" am Sonnabend im Berliner Hebbel-Theater war nicht dazu angetan, die Zurückhaltung Heiner Müllers als Dämlichkeit zu entlarven. So richtig begriff keiner, warum dieses drei viertelfertigen Szenen (der junge David, David und Saul, der alte David) unbedingt aufgeführt werden mußten - außer damit der Wind, der um diese vermutlich allerletzte Brecht-Uraufführung gemacht wurde, das muffige Image der Frau Grothum durchlüftet.

Der Fairneß halber sei gesagt: Grothums Regiekonzept war bei weitem nicht die größte Katastrophe des Abends. Sie hat das ganze als Illusion einer Durchlaufprobe inszeniert, wohl um die Unfertigkeit des Textes eher zu betonen als zu verschleiern. Die Regisseurin sitzt die ganze Zeit am linken Bühnenrand, greift von Zeit zu Zeit ins Geschehen ein (Achtung: V-Effekt!) und liest einige der Bibel-Stellen und Tagebuchauszüge, mit denen der Brecht-Text verbunden und auf 120 pausenlose Minuten gestreckt wird. Trüge sie einen einschüchternden Namen aus der Ehrenriege des Regietheaters, hätte man das vermutlich als eine besonders offene Form des Theaters interpretiert. Es war auf jeden Fall nicht peinlicher als das "Wunder von Mailand" oder "Der Jasager und der Neinsager", zwei der Inszenierungen, mit denen Peter Zadek in den vergangenen Jahren in Berlin seinen Ruf demontiert hat.

Vom Bluff zur Schmiere wird "David" vor allem durch Ekkehard Schall. Er spielt den alten Saul und später den altgewordenen David. Dieser Schauspieler hat Theatergeschichte geschrieben mit seinen Hauptrollen in "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (1959) und "Coriolan" (1964). Doch heute ist der große Name nur noch Schwall und Bauch. Das erste Mal läuft es uns eiskalt den Rücken runter, als er gleich zu Beginn mit seinem brüchigen Singstimmchen "Das Lied des David" singt. Doch etwa bis zur Mitte des Abends bleibt das Gefühl verzehrender Peinlichkeit beim Publikum unterdrückt.

Doch dann brachte eine unfreiwillig komische Tanzszene die Stimmung zum Umkippen: Wie der schon etwas gewichtige Vladimir Gelvan, einst 1. Solotänzer der Deutschen Oper, die Bundeslade in choreographischen Klischees aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts umtanzte - ja, das hatte den Charme eines bärtigen Beamten, der beim Polizeiball das Funkenmariechen macht. Von da an trauten sich die Böswilligen (viele waren natürlich gekommen, um mitzuerleben, wie die "Dame von Grill" sich an Brecht einen Bruch hob) und Gequälten immer häufiger und immer lauter zu lachen. Nun war auch das schwammige Gefuchtel Schalls nur noch Anlaß für heftige Heiterkeit. Ein Abend, an dem Fernsehchargen wie Klaus Dahlen und Horst Pinnow nicht die schlechtesten Schauspieler waren - mehr muß wohl nicht gesagt werden!

Der Applaus zum erlösenden Ende blieb dünn. Die Zuschauerreihen waren ohnehin nie ganz gefüllt. Anscheinend haben diejenigen, die Brigitte Grothum und Klaus Dahlen sehen wollen, kein Interesse an Brecht-Uraufführungen. Und wer Brecht sehen will, der traut Frau Grothum nicht. Dieser merkwürdige Abend hat die Gräben eher noch vertieft.

BZ Berlin

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