Donnerstag, 23. November 1995

"Hänsel und Gretel" in der Volksbühne

Blech ist ein vielseitiges Material. Man kann zum Beispiel Konservendosen daraus rollen oder DDR-Geld daraus stanzen. Bei "Hänsel und Gretel", der düsterer Märchenphantasie des Tanztheater-Agitators Hans Kresnik, ist das Blech Schutzschild und Schlafdecke zugleich für eine Truppe verwahrloster Heimkinder, denen die altgewordenen Geschwister aus Grimms Märchen (Harald Beutelstahl, Margaret Huggenberger, die sich mit Susanna Ibañez abwechseln wird) begegnen. Das Blech ist auch eine Waffe: Der ohrenzerfetzende Lärm, den die Kinder mit dem Metall veranstalten, erinnert an die Gefängnisrevolten in US-Filmen, wenn die Häftlinge mit ihren Blechnäpfen zum Aufstand trommeln.

Und so gnadenlos wie das finsterste Gefängnis ist diese ganze Inszenierung in der Berliner Volksbühne. Kresniks Botschaft: Verglichen mit der Welt von heute ist die Grausamkeit des altdeutschen Märchenwaldes nur noch eine romantische Erinnerung. Rapunzel, die Prinzessin und selbst die Hexe (Kresniks schönste Waffe: Liliana Saldaña mit Popstar-Ausstrahlung) sind längst irre geworden. Und man muß schon eine harmlose Spießerseele haben wie Hänsel und Gretel, um immer noch Goldstaub, Sterntaler und Tanzschuhe zu verteilen.

So eindeutig wie das klingt wird es glücklicherweise fast nie gezeigt: "Hänsel und Gretel", das mehr Traumbilder beschwört als eine Geschichte zu erzählen, ist vielleicht das am wenigsten platte Kresnik-Stück seit Jahren. Zwar kommen auch die Freunde des Ausstattungs-Theaters auf ihre Kosten - vor allem beim grandiosen Schlußbild mit dem brennenden Hexenhaus (Bühne: Penelope Wehrli). Auch für Prothesen, Beile, Brei und andere Zutaten des Kresnikschen Tanztheaters ist reichlich gesorgt. Doch je länger der Abend währt und je mehr sich das Ohr an die Musik von Livio Tragtenberg gewöhnt (klaut in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts von Schönberg bis Free Jazz), desto mehr gelingen Szenen von zurückhaltender tänzerischer Schönheit.

Nur zwei Beispiele: Ich habe schon viel zu viele überflüssige Nackte gesehen. Die Nackten sind ja ein Klischee des modernen Theaters - so wie Fernseher auf der Bühne. Aber beim Tanz der schizophrenen Märchenprinzessinnen oder bei Hänsel und Gretels behutsamer Liebesszene ganz zum Schluß ist alles anders. Selten zuvor ist je so einleuchtend gezeigt worden, was Nacktheit eigentlich bedeutet: Schutzlosigkeit, Mut, die Hinfälligkeit des Körper zu akzeptieren - aber auch Zärtlichkeit und Offenheit. 

BZ Berlin

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