Samstag, 4. November 1995

"Hochzeitsreise" im Prater

Unter der bröckelnden Decke des Theatersaals spendet eine tief hängende Glühbirne fast sakrales Licht und von hinten zieht's den Zuschauern zugig zwischen Jacke und Hose, obwohl sie nach allen Seiten von Pappkartons eingebaut sind. Doch die fast weihevolle Klaus-Michael-Grüber-Stimmung wird bald zerstört. Wir sind im Prater, wo Frank Castorf uns mit auf "Hochzeitsreise" nimmt.

"Ein Vaudeville" nennt der russische Autor Vladimir Sorokin seinen Reisebericht aus dem Kontinent der deutsch-russischen Macken. Der Sohn eines SS-Offiziers (Bernhard Schütz) und die Jüdin, Tochter einer blutgierigen Kommissarin (als gespaltene Persönlichkeit Carolin Mylord und Jeanette Spassowa), ächzen gemeinsam unter der Last historischer Neurosen. Die Russin ist nach-sowjetisch verkommen. Der Deutsche läßt sich gern für die Sünden der Väter peitschen. Am Ende kuriert ein Geschlechtsakt auf dem Obersalzberg alle Macken.

Logisch, daß Castorf dazu mehr eingefallen ist als zur "Stadt der Frauen". Und auch die Off-Bedingungen (nur zweieinhalb Wochen Proben, kaum Technik, winziges Räumchen, das Nahkampf mit dem Publikum ermöglicht) haben ihm offenbar gut getan: In jedem Manne steckt halt ein Kind. Und das will immer zurück zu seinen Anfängen.

BZ Berlin

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