Samstag, 9. Dezember 1995

"Seid nett zu Mr. Sloane" im Maxim-Gorki-Theater

Als wär's ein Stück von ihm gewesen: 14 Hammerschläge seines eifersüchtigen Geliebten beendeten 1967 das Lebens des britischen Dramatikers Joe Orton. Drei Jahre nachdem er mit "Seid nett zu Mr. Sloane" berühmt geworden war, einem Abgrund von Mord, Sadismus, Geilheit und Komik. Unter der Regie von Mario Andersen tat sich dieser Abgrund jetzt im Maxim Gorki Theater wieder auf.

Softbeat vom Band, ein liebevoll mit zeitgemäßem Plunder ausgestattetes Wohnzimmer (sogar einen Teppichroller hat Bühnenbildnerin Sabine Böing aufgetrieben), stilecht geschmacklose Kostüme: Wir sehen ein bitteres Märchen aus den fernen Sixties. Aber wie das so geht mit den alten Märchen - manchmal haben sie einen wahren Kern, der alle Zeiten überdauert. Und manchmal hat "Der Wolf und die sieben Geislein" uns mehr zu sagen als die Schlagzeile von gestern.

Ist "Seid nett zu Mr. Sloane" auch so eine haltbare Fabel? Auf jeden Fall gibt es bei dieser Ballade von der Sexuellen Abhängigkeitt mehr zu lachen, als in den Late Shows von der Nacht zuvor. Die völlig verkommenen Londoner Kleinbürgergeschwister Kathrin und Ed verfallen einem Stricher. Als der hübsche Mr. Sloane schließlich sogar ihren Vater ermordet, nehmen sie das nur zum Anlaß, ihn zu ewiger sexueller Dienstbarkeit zu erpressen.

Harald Schrott spielt diesen Sloane als gefallsüchtige, verschlagene Nuttenseele. Ewig fuchtelnd im Blondhaar, die Parodie eines Gossenengels. Tatja Seibt als Kathrin suhlt sich in den Wonnen der Gemeinheit, mit dem unglaublichen Mut zum Häßlichen, den nur eine Frau aufbringt, die sich ihrer Attraktivität ganz sicher sein kann. Hansjürgen Hürrig ist ein verklemmt schwuler Mackie Messer. Und Hilmar Baumann ist als "Vatti" dieser Brut ist so sympathisch, so warmherzig und so komisch wie Ekel Alfred als blinder, undichter Greis.

Immer ist der Spaß fühlbar, mit dem sie auf die komödiantische Tube drücken. Und in dieser Tube ist eine Farbe, mit der hier früher nie gepinselt wurde. Dabei ist "Seid nett zu Mr. Sloane" kein großes Stück, nur eine von diesen grausam raffinierten Kleinigkeiten, die Deutsche nicht einmal schreiben könnten, wenn's möglich wäre, damit ihre Seelen vor dem Höllenfeuer zu bewahren. Bester böser Boulevard, der dem Gorki ein paar ganz neue Zuschauer bescheren dürfte.

BZ Berlin

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