Samstag, 27. Januar 1996

"Der Hauptmann von Köpenick" im Maxim-Gorki-Theater

Ein Bühnenirrer wie Harald Juhnke übt offenbar auf die Durchgeknallten draußen im Lande eine gewisse Anziehungskraft aus: "Der Hauptmann von Köpenick", das "deutsche Märchen" von Carl Zuckmayer begann mit Tumult. Eine Frau ohne Karte setzte sich an den Bühnenrand und ließ sich weder durch Bitten noch durch Drohungen wegbringen.

Remmidemmi gab's dann auch in den folgenden drei Stunden: Katharina Thalbach, die selbst den Kleiderjuden spielte und aus dem Off märchenhafte Texte zwischen den Szenen sprach, ist keinem Regie-Gag aus dem Wege gegangen. Sie setzt gnadenlos auf Unterhaltung - und gewinnt.

Ein Bühnenbild wie dieses mit einer Haupt- und zwei Nebenbühnen hat man im kleinen Gorki-Theater noch nicht gesehen. Ständig verwandelte sich alles - von Wormsers Schneiderladen zum Gefängnis, übers Bumslokal ins Rathaus und wieder zurück. Karusselle drehen sich, eine Lokomotive nebelt das ganze Theater ein. Einmal, beim Tuberkulose-Tod des kleinen Mädchens, nehmen uns Thalbach und Bühnenbildner Momme Röhrbein sogar auf eine Reise in den Himmel mit.

Poesie, Derbheit, Schönheit, Witz und Dschingderassabumm (Riesenapplaus für die Kapelle!) - hier ist wirklich alles im Angebot. Und mittendrin ein Harald Juhnke, der wieder beweist, was er doch eigentlich gar nicht mehr beweisen muß. Nämlich, daß er ein Charakterdarsteller erster Güte ist. Er rührte gerade deshalb zu Tränen (z.B. in er Szene, in der Schuster Voigt Bilanz seines Lebens zieht), weil er so still, zurückhaltend und warmherzig spielte.

Denn das ist der stärkste Kontrast des bunten Abends: Juhnke darf ganz und gar Mensch bleiben, während alle anderen Darsteller Karikaturen sind. Zerrbilder einer deutschen Untertanenreligion, für die die Uniform ein Priestergewand und der Offizier ein Halbgott war. Am wenigsten verzerrt waren noch Hans Diehl als Voigts gesetzesfrommer Schwager Hopprecht, Ursula Werner als gutherzige Schwester Marie und der großartige Jaecki Schwarz als Bürgermeister Obermüller.

Und trotzdem hatte mancher nach drei Stunden ein Gefühl der Leere. Eine Art seelischer Hunger. Wie oft nach effektstarken und toll besetzten Hollywoodfilmen. Irgendwie fühlte man sich mehr überrumpelt als beglückt. So als wäre einem die Unterhaltung mit dem großen Knüppel eingehämmert worden.

Andererseits: So kurzweilig bin ich noch nie verprügelt worden. Bei Thalbach und Juhnke könnte ich mich an Kloppe gewöhnen. 

BZ Berlin

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