Samstag, 3. Februar 1996

"Der Bau" im Berliner Ensemble

40 Jahre währte die DDR, fast sechs Stunden (mit Pausen) währt "Der Bau", Heiner Müllers Stück aus der Pubertät des Arbeiter-und-Bauernstaates (1964), das Thomas Heise jetzt im Berliner Ensemble inszeniert hat. Aber 40 Jahre können manchmal so endlos sein wie 100, und sechs Stunden können einem vorkommen wie eine Woche. So ähnelt das Ende dieses Theaterabends dem Ende der DDR: Beide gingen ziemlich unspektakulär zugrunde, und selbst Symphatisanten atmen auf, daß alles vorbei ist.

Dabei liegt das ganz gewiß nicht am fehlenden Talent des jungen Thomas Heise: Er peppt dieses halbtote Stück mit allerhand hübschen Gags auf. Wodka wird ins Publikum gereicht. Tänzchen im FDJ-Hemd getanzt. Schauspieler tauchen auf wie Kaninchen aus der Kiste und verschwinden wieder. Ein SED-Sekretär (Uwe Steinbruch) reitet auf einem fliegenden Pferd ein. Sogar das berührendste aller DDR-Relikte, der große Erwin Geschonneck, tritt per Video als "alter Genosse" auf.

So folgen wir den Irrungen und Wirrungen des Parteisekretärs Donat (Thomas Stecher) auf der Großbaustelle eines Chemiekombinats, das auch "DDR" heißen könnte, streckenweise mit amüsierter Anteilnahme: Die Partei drängelt, die Arbeiter mucken, die Wirklichkeit folgt nicht dem Plan, die Ehe kracht, und verbotene Liebe lockt (im roten Kostüm, mehr Carnaby Street als Karl-Marx-Allee: Michaela Schmidt).

Trotzdem - wer soll sich an einem ganz normalen Wochentag in der zwanzigsten Vorstellung noch ansehen, wie hier ein dramaturgisches Plansoll erfüllt wird: Die Bewältigung einer Vergangenheit, die schon langweilig war, als sie noch "Gegenwart" hieß? 

BZ Berlin

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