Samstag, 10. Februar 1996

"Die Geschichte von Heinrich IV." im Deutschen Theater

Es gibt Stücke, die spielen Theaterdirektoren nicht, weil die Geschwätzmaschine der Dramaturgie irgendein Aktualität darin entdeckt hat. Es gibt Stücke, die spielt man, weil die einzigartige, nie wiederkehrende Gelegenheit, große Rollen einmal wirklich ideal zu besetzen nicht verpaßt werden darf.

Panik mag Thomas Langhoff befallen haben, als Kurt Böwe im vorigen Jahr ankündigte, er wolle aufhören. Vielleicht hatte der Intendant des Deutschen Theaters schon seit Jahren vor, Shakespeares "Geschichte von Heinrich IV." zu inszenieren. Und nun drohte ihm auf einmal, der Falstaff abhanden zu kommen. Beleibte ältere Herren gibt es viele im DT - aber kann man sich jemand anderes als Böwe als Falstaff vorstellen?

Jetzt nicht mehr. Die Premiere von "Heinrich IV." wurde zum Triumph des (glücklich zur Rolle überredeten) Böwe. Falstaff ist ein Faß - so wird er im Stück genannt. Man kann ein Faß zum Dröhnen bringen. Man kann aber auch nur ganz leise darauf trommeln.

Böwe ist kein Dröhn-Falstaff. Er spielt immer lieber ein bißchen weniger als zuviel. Und zeichnet so das leise, ungeheuer komische Porträt eines Gossen-Weisen, der mit melancholischer Eleganz durchwurschtelt in den Zeiten von Mord und Bürgerkrieg. Böwe ist die warme Sonne, um die sich alles dreht. Von ihm gilt, was im Stück über Falstaff gesagt wird: Er ist nicht nur selber witzig, er ist auch die Ursache dafür, daß andere witzig sein können.

England ist aus den Fugen. König Heinrich IV. (genial manieriert: Eberhard Esche) ist gebrochen auf dem Weg zur Macht. Vom scheinbar mißratenen Sohn Harry (noch eine Idealbesetzung: Michael Maertens), der sein Leben als Halbschwuler mit Beutelschneidern, Alkies, Hurenjägern und Falstaff verplempert, ist keine Hilfe zu erwarten. Heinrichs gefährlichste Gegner: Der verbohrte Worcester (Jürgen Holtz) und der heißblütige Harry Percy. Götz Schubert spielt letzteren als Natural Born Krieger voller dickköpfiger Tragik - so gut wie nie, seit er vom Gorki-Theater ans DT wechselte.

Die Inszenierung im schönen Minimalbühnenbild von Pieter Hein, das viel mit Licht und wenigen Requisiten wirkt, ist ein Fest für Schauspieler. Aber anders als sonst im DT, wo oft nur gespielt wird: Schaut her, wie gut wir sind! Lockerer. Der Witz ist nicht - wie in "Kriemhilds Rache" - eine Ausrede, mit der man sich über die gähnenden Abgründe des Textes hinwegjuxt.

Vor allem im zweiten Teil der fünf Stunden zeigt das Stück (kein ganz großer Shakespeare) seine Schwächen. Noch ein Aufstand, noch ein paar Adelige, die über die Klinge springen. Und man fragt sich doch: Wozu das heute spielen. Aber die Antwort geben immer wieder die Schauspieler: Um Kurt Böwe als Falstaff, Michael Maertens als Harry und Götz Schubert als Heißsporn zu sehen. 

BZ Berlin 

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