Donnerstag, 29. Februar 1996

"Europa" in der DT-Baracke

Ein kleiner Bahnhof in einem Grenzort in Mitteleuropa. Die Züge sausen hindurch nach Orten wie Warschau, Budapest und Wien. Der Bahnhof ist im Stück des Engländers David Greig ein Symbol für "Europa": Die Arbeiter sind arbeitslos. Die Flüchtlinge wurzellos. Die Streckenwärterin ahnungslos. Der Bahnhofsvorsteher haarlos. Ein Schmuggler glücklos. Und am Ende ist die Hölle los. So einfallslos und mutlos wie das von Katharina Seidel in der Baracke des DT herunterinszeniert wurde, dachte ich gegen Ende der eindreiviertel Stunden nur noch: "Ach könnte ich jetzt bloß los."

Zwischendurch hat man viel Zeit zum Nachdenken. Beispielsweise darüber, warum es immer so peinlich ist, wenn sauber gewaschene, frisch rasierte, schmerzfreie und wohlartikulierende deutsche Staatstheater-Schauspieler rüpelhafte ostmitteleuropäische Schwerarbeiter spielen, die aus Verzweiflung zu Nazis werden.

Das Stück ist immer dann am besten, wenn es nicht alles ausspricht - wie bei der hübschen Liebesgeschichte zwischen der Bahnbeamtin Adele (Cathleen Gawlich) und der Flüchtlingsfrau Katia (Bettina Kurth). Oder bei der Männerfreundschaft zwischen Bahnhofschef Fret (Udo Kroschwald) und dem Flüchtling Sava (Reimar Joh. Baur), die zusammengeschweißt werden von der bei allen Ländern, Rassen und Nationen gleichermaßen ausgeprägten Freude männlicher Kindsköpfe am Eisenbahn-Spielen.

Aber allzuoft wird jede Nuance, die durch die Handlungen der Figuren schon längst klar geworden ist, noch einmal überdeutlich herausgeplappert. Eine Untugend, die man eigentlich weniger von englischen Stücken als von deutschen Fernsehserien erwartet. Am allerschlimmsten der Schluß - wenn der vom Arbeiter zum Brandbombenwerfer mutierte Berlin (Thomas Bading - heißt wirklich so!) wie Harry bei Derrick noch einmal für die Doofen die Moral von der Geschicht' zusammenfaßt. Als ich den nahegelegenen Bahnhof Friedrichstraße erreicht hatte, war der Theaterbahnhof in der DT-Baracke schon restlos vergessen.

BZ Berlin

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