Sonntag, 18. Februar 1996

"Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Berliner Ensemble

Eine Premiere, die dem Wahnsinn und den Halsschmerzen abgerungen wurde. Nach sechs Monaten Probenzeit und sechs Wochen Bettlägerigkeit fand Einar Schleefs Verarbeitung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" nun doch statt. Das Berliner Ensemble erlebte die bereits einmal krankheitshalber verschobenen Rückkehr des Mannes, der dem Theater vor drei Jahren mit "Wessis in Weimar" einen unvergessenen Skandalerfolg beschert hatte.

Die Bühne - ein riesiger sauna-artiger Holzkasten, so frisch, daß das Theater nach Harz- und Sägespänen riecht. Brechts Parabel vom Herrn Puntila, der nur im Suff ein guter Mensch sein kann, spielt schließlich im finnischen Sägewerksbesitzer-Milieu. Und hier veranstaltet Herr Schleef ein Kettensägenmassaker, dem sein Knecht Brecht zum Opfer fällt (obwohl jedes Wort Originaltext gesprochen wird). Der Anlaß heißt "Puntila", er könnte auch "Faust" oder "Micky Maus" heißen.

Denn er ist vor allem ein Vehikel für die bekannten Zutaten, die Schleef so selbstverständlich benutzt wie wir die deutsche Grammatik: Wieder gibt es eine Szene, die dem katholischen Abendmahl ähnelt. Wieder eine Luke in der Mitte der Bühne, für Auf- und Abtritte. Wieder eine zentrale Schockszene: Was bei "Wessis" Martin Wuttkes Onanie-Nummer war, ist diesmal eine Massenvergewaltigung der Puntila-Tochter Eva (Jutta Hoffmann) durch ein Dutzende Mattis.

Wieder tragen die Männer erst Soldatenmäntel, die Frauen Tutus. Je später der Abend, desto häufiger sind sie nackt. Sie schwingen Beile, sie swingen Chöre, sie habe sich die Haare kurz geschoren (Männer) oder zu BDM-Kränzen drehen lassen (Frauen) - und ihr Ich haben sie vermutlich beim Friseur abgeben müssen.

Völlig verschwunden ist der Knecht Matti. Laut Schleef spielt das Stück nach einem Bürgerkrieg. Von Geistern ist oft die Rede. Matti spricht nur noch als vielstimmiger Geist aus den Chören. Als intakte Figur ist neben Eva nur noch die Magd Hannah (Ruth Glöss) übrig geblieben.

Und Puntila. Einar Schleef selbst ist Puntila. Aber mit seinem Dirigentenfrack ist er auch Prospero, der große Zauberer, der all dies aus seinem Kopf geschaffen hat. Und die anderen sind seine Geschöpfe, die er an unsichtbaren Fäden lenkt. Den Gutsherren gibt er mal verschwinden leise, aber oft so laut und lange brüllend (dabei mit Selbstironie: "Ich bin heiser, das weiß die ganze Stadt"), daß man den Hut schon vor seiner körperlichen Leistung zieht - und fragt: Wie will er das durchhalten, wenn fünfmal pro Woche en Suite gespielt wird?

Dazu wird es kommen. Der erhoffte Erfolg wird sich einstellen. Zwar ist dies kein unterhaltsamer Abend, sondern ein Abend der schweren Kunst, die vier Stunden lang (zwei Pausen) ersessen werden muß. Doch auch ein staunenerweckendes Bühnenmonstrum, mal peinlich, mal öde - aber oft schlicht grandios. Und 2000 Lichtjahre entfernt von jeder Theaterroutine.

Schleefs Irrsinn mag rein künstlerischer Natur sein, trotzdem hat man bei diesem "Puntila" ein Gefühl wie bei der Betrachtung von Gemälden Geisteskranker: Egal wie lange wir fasziniert schauen, wir haben nie das Gefühl, dem, was der Künstler damit sagen will, nur einen Schritt näher gekommen zu sein. Genie und Wahnsinn - zu dieser Kombination fühlen sich viele berufen im deutschen Theaterbusiness. Doch nur Einar ist auserwählt.

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