Donnerstag, 1. Februar 1996

"Straße der Besten" in der Volksbühne

Christoph Marthaler hat das "Shining". So heißt in Stanley Kubricks berühmtem Horrorfilm die Fähigkeit, Dinge und Wesen zu sehen, die gar nicht da sind und die gleichzeitig aber doch da sind - mächtiger als vieles, was wir für real halten. Auf der "Straße der Besten", seinem theatralischen Rundgang durch die Volksbühne, entdeckt der Schweizer Regisseur die Geister des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz, und macht sie sichtbar: Schon im Eingangsbereich schleicht sich ein gespensterhafter Museumsführer (Graham F. Valentine) von hinten heran und flüstert uns diktatorische Befehle ins Ohr.

Später klopft einer den Reichskanzlei-Marmor im Foyer auf der Suche nach "Hermann?" ab, wir treffen auf sechs strickende, schwarzgekleidete Parzen, werden verfolgt von einer verwirrten Dame, die ein Traktoristenlied singt, und in den tiefsten Kellern bügeln Männer alte SED-Zeitungen wieder glatt. Dazu brabbelt Erich Honecker vom Band Politphrasen.

Geisterbahntheater. Das ist nicht abfällig gemeint. Hinter jeder Ecke lauert ein Gespenst, eine Vision, ein Klang, ein Bild. Erinnerungen aus dem Unterbewußtsein eines Theaters, das in 81 Jahren mal am Bülowplatz, mal am Horst-Wessels-Platz, mal am Rosa-Luxemburg-Platz stand.

So schön das ist, so bekannt kommt es einem vor. Doch nach einer Stunde erweist sich Marthaler als genialer Spielverderber, der das Klischee von der typischen liedhaften Leichtigkeit des Marthaler-Theaters sprengt.

Der Rundgang endet auf der Bühne. Butch Morris und Martin Schütz entlocken Kornett und Cello dort Klänge wie "Jurassic Park" - als ob der T. Rex kurz vor dem Angriff stünde. Und langsam, wie urzeitliche Lava-Ströme, bewegen sich Schauspieler (u.a. Heide Kipp, Joachim Tomaschewsky, Susanne Düllmann) dazu. Am Ende klingt es wie Trompetensignale der Kavallerie von Jericho.

Ein "Konzert mit Schauspielern" hat Marthaler das genannt, präziser kann man es nicht beschreiben. Anstrengend, aber schön. Ein bißchen Bereitschaft, sich auf irritierende minimalistische Free-Jazz-Klänge einzulassen, ist allerdings Voraussetzung für den Genuß.

BZ Berlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen